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Methode: Beobachtung

Allgemeines

Beobachtungen stellen eine von vielen Möglichkeiten zur Datenerhebung und Sammlung von Fakten in einem nicht kommunikativen Prozess dar. Voraussetzung ist, dass sie zielgerichtet in Hinblick auf die Forschungsfrage(n), systematisch, objektiv und nachvollziehbar vorgenommen werden.

Beobachtungen können sowohl der

  • qualitativen (auf Basis verschriftlichte bzw. audiovisueller Daten) als auch der
  • quantitativen Forschung (Erfassung numerischer Daten) zugeordnet werden.

Sie werden besonders häufig in der Sozialforschung angewendet, spielen aber auch in den Naturwissenschaften eine große Rolle. Sie sind immer dann sinnvoll, wenn es um Sachverhalte geht, die in Befragungen nicht oder nur unzureichend erhoben werden können.

Beobachtungen können unter Einsatz aller Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Tasten, Schmecken) bzw. unter Gebrauch technischer Hilfsmittel (Video-/Audioaufzeichnungen etc.) protokolliert und ausgewertet werden.

Beobachtungsgegenstand können Vorgänge (menschliche Handlungen, sprachliche Äußerungen, ...), Ereignisse (Prüfungen, Schulveranstaltungen, ...), soziale Merkmale (Brauchtum, Kleidung, ...) und Verhaltensweisen (nonverbale Reaktionen, ...) von Lebewesen, aber auch Objekten sein. Situationen, in denen Beobachtungen vorgenommen werden, können für den Forschungszweck sowohl speziell arrangiert werden (z. B. im Labor) und somit künstlicher Art sein als auch in natürlicher Umgebung stattfinden (Feldbeobachtung).

Arten von Beobachtungen:

Unstrukturiert, teil- oder vollstrukturiert

  • Zur ersten Orientierung werden Beobachtungen häufig unstrukturiert, mit geringen Vorgaben und wenigen Einschränkungen vorgenommen. Die Beobachter/innen nehmen wahr, was ihnen wichtig erscheint und halten das Beobachtete dann zumeist schriftlich fest.
  • Beobachtungen können aber auch teil- bzw. vollstrukturiert ablaufen, als zumeist quantitative Methoden, unter Einsatz eines festen, erprobten, detaillierten Beobachtungsschemas, Merkmal- oder Kategoriensystems und wenigen Freiheitsgraden für die Beobachter/innen.

    Kriterien eines Kategoriensystems:
    • Die Anzahl der Kategorien sollte einerseits klein genug sein, um Beobachter/innen nicht zu überfordern, andererseits aber auch groß genug, um die im Mittelpunkt des Interesses stehenden Handlungen/Verhaltensweisen differenziert genug erfassen zu können.
    • einzelnen Kategorien müssen deutlich voneinander abgegrenzt sein. Eine bestimmte Verhaltensweise darf nicht mehreren Kategorien zugeordnet werden können.
    • Verschiedene Beobachter/innen sollten unter gleichen Voraussetzungen/Bedingungen zu möglichst gleichen Ergebnissen kommen.

Teilnehmend oder nicht teilnehmend
Je nach Grad der Einbindung der Forscher/innen wird zwischen völliger Teilnahme, teilnehmender Beobachtung, beobachtender Teilnahme und nicht teilnehmender Beobachtung unterschieden.

Die Art der Teilnahme kann aktiv oder passiv sein. Bei aktiver Teilnahme machen die Beobachter/innen mit, nehmen am Geschehen teil, sind integriert. Bei passiver Teilnahme sind sie zwar anwesend, verhalten sich aber distanziert und zeichnen nur auf, protokollieren.
Bei der nicht teilnehmenden Beobachtung sind die Forscher/innen persönlich nicht anwesend, haben keinen direkten Kontakt mit dem Geschehen.

Die entsprechende Situation wird beispielsweise via Medien erfasst.

Direkt oder indirekt
Die Unterscheidung zwischen direkter und indirekter Beobachtung nimmt Bezug auf die Sicht der Beobachteten, der Proband/innen. Nehmen diese die Forscher/innen wahr, sind diese präsent, so liegt eine direkte Beobachtung liegt vor. Tun sie das nicht und erfolgen die Beobachtungen mittels technischer Hilfsmittel (beispielsweise durch Audio-/Videoaufzeichnungen), so handelt es sich um indirekte Beobachtung.

Offen oder verdeckt
In offenen Formen der Beobachtungen geben sich die forschenden Personen als solche zu erkennen, in verdeckten tun sie das nicht. Bei offenen Formen ist zu bedenken, dass sich Beobachtete in Anwesenheit der Forscher/innen anderes verhalten (Hawthorne-Effekt , Rosenthal-/Versuchsleiter(erwartungs)effekt ). Verdeckte Beobachtungen führen unter Umständen zu moralischen/persönlichen Konflikten.

Aufgrund von Veränderungen der Gestaltung und des Ablaufes kann es zu Mischformen des Beobachtungsprotokolls kommen. Z.B.: Eine Lehrperson beobachtet die Klasse während einer Testsituation. Aus der Sicht der Lehrperson: nicht teilnehmend/offen; aus der Sicht der Sicht der Schüler: teilnehmend/offen.

Planungsphase

In der Planungsphase systematischer Beobachtungen ist festzulegen, was genau von wem, wann und wo beobachtet wird. Zu definieren sind dabei

  • die zu beobachtenden Verhaltensmerkmale („Was soll beobachtet werden: das allgemeine Handeln/Verhalten bestimmter Lebewesen oder nur bestimmte Handlungszüge/Verhaltensweisen?)
  • die Situationsmerkmale (In welchen Situationen sollen die Verhaltensmerkmale beobachtet werden?)
  • die Zeitstichproben (Wie viele Beobachtungen sollen vorgenommen werden und wie groß sollen die Intervalle zwischen den Beobachtungen sein?)
  • die Mess- bzw. Registrierungsprozeduren (Wie detailliert soll die Registrierung/Protokollierung erfolgen, was soll festgehalten werden? Soll nur festgestellt werden, ob ein bestimmtes Phänomen auftritt oder auch wie häufig es in einem bestimmten Zeitraum auftritt? Sollen auch Ausprägungen von Merkmalen, wie Zeitdauer/Intensität eines bestimmten Verhaltens erhoben werden? Wie erfolgt die Dokumentation? Mittels Notizbuch, Protokollbögen, technischer Hilfsmittel?)

Problemkreise/Fehlerquellen

  • Mangelnde Objektivität der Beobachter/innen
    • Die Beobachter/innen haben ein bestimmtes Forschungsziel vor Augen und sehen mehr oder weniger unbewusst nur das, was sie sehen wollen, sie sind voreingenommen
    • Die Datenerfassung und Auswertung erfolgt durch nur eine Person, ist somit in einem mehr oder weniger geringen Maß subjektiv.
    • Die Forscher/innen werden bei der teilnehmenden Beobachtung unter Umständen ihrer Doppelfunktion als Gruppenmitglieder und BeobachterInnen nicht gerecht, kommen in Konfliktsituationen bzw. können Situationen erst nachträglich aus dem Gedächtnis verschriftlichen, was zu Ungenauigkeiten führen kann.
  • Reaktivität der Beobachter/innen
    Personen, die unter Beobachtung stehen, verhalten sich zumindest in der Anfangsphase der Beobachtung weniger natürlich (weniger spontan und zwanglos). Es besteht daher die Gefahr, dass von den Beobachter/innen ein verfälschtes Verhalten registriert wird, was den Wert der Untersuchung beeinträchtigt.

Teilnehmende Beobachtung

Unter „teilnehmendem Beobachten“ versteht man das aktive und bewusste Teilnehmen an einer Aktivität (Event, Fest, Konzert oder Ähnlichem) und das gleichzeitige aufmerksame (strukturierte) Beobachten eben dieser sozialen Handlungen. Dieses teilnehmende Beobachten kann sehr unterschiedlich gestaltet werden und orientiert sich an der Art der beobachteten Aktivität. Die Qualität der teilnehmenden Beobachtung hängt von verschiedenen Parametern ab, die in der nachstehenden Tabelle dargestellt werden:
 

Natürlichkeit des FeldesFeldLabor
Beobachtungsmodusunstrukturiertstrukturiert
Transparenzoffenverdeckt
Mitgliedschaft der Beobachterin/des Beobachtersvolleperiphere
Partizipationsgradaktiv teilnehmendpassiv teilnehmend


Natürlichkeit des Feldes:
Beobachtet ein/e Schüler/in z.B. das Verhalten von Kindern bei einem bestimmten Spiel, so kann diese Aktivität wie in einem Labor „inszeniert“ werden. Es ist aber auch möglich, ein solches Verhalten „im Feld“, also in der Alltagsrealität teilnehmend zu beobachten.

Beobachtungsmodus:
Teilnehmendes Beobachten kann strukturiert und unstrukturiert erfolgen.

  • Strukturiertes Beobachten heißt, nach bestimmten Aspekten einer Aktivität zu suchen, sich auf ein bestimmtes Element zu konzentrieren (z.B. die Kleidung verschiedener Akteur/inn/en bei einem hinduistischen Ritual).
  • Unstrukturiertes Beobachten ist z.B. dann sinnvoll, wenn man an einer Aktivität zum ersten Mal beobachtend teilnimmt, nur wenige Vorkenntnisse dazu besitzt und im Vorfeld noch nicht entscheiden möchte/kann, welchem Aspekt man sein Augenmerk schenken möchte (z.B. Teilnahme an einer politischen Veranstaltung, bei deren Beobachtung viele Faktoren wichtig sind und deren Verlauf nicht absehbar ist).

Transparenz:
„Teilnehmendes Beobachten“ kann offen oder (in seltenen Fällen) verdeckt durchgeführt werden.

  • Offen ist eine Beobachtung dann, wenn die/der Forscher/in den Menschen im Feld offen legt, dass eine Beobachtung einer Aktivität (zu Forschungszwecken) durchgeführt wird.
  • Von verdecktem Beobachten spricht man, wenn dem Feld nicht mitgeteilt wird, dass man beobachtend Daten erhebt. Letzteres ist gut zu überdenken, da bei einer späteren Offenlegung Menschen evtl. brüskiert werden bzw. damit nicht einverstanden sind.

Mitgliedschaft der Beobachterin/des Beobachters und Partizipationsgrad:
Inwieweit die teilnehmende Beobachterin/der teilnehmende Beobachter in die Aktivität, die beobachtet wird, involviert ist, spielt eine große Rolle für die Forschungsarbeit. Man kann zwischen voller, aktiver und peripherer Mitgliedschaft unterscheiden.

  • Periphere Mitgliedschaft: Ich bin Besucherin einer röm.-kath. Kirche und beobachte eine mir fremde Familie, die die Taufe eines Familienmitglieds feiert. Ich hole bei den Familienmitgliedern die Erlaubnis ein, das Ritual zu beobachten und mache mir als Außenstehende (während oder nach der Feier) Notizen.
  • Aktive Mitgliedschaft: Eines meiner Familienmitglieder (z.B. Cousin) wird getauft. Ich bin eingeladen, bin Teil des Feldes und kann aktiv teilnehmend die Taufe beobachten. Notizen kann ich mir evtl. erst nach der Taufe machen. Als Teilnehmer/in ist es mir möglich, einige Fotos zu machen.
  • Volle Mitgliedschaft: Ich habe mich entschlossen, mein eigenes Kind römisch-katholisch taufen zu lassen. Ich stehe mit meinem Kind im Zentrum des Rituals. Im Anschluss daran mache ich mir Notizen zur Dokumentation der Vorgänge.

Ähnlich verhält es sich mit den Attributen hinsichtlich des Partizipationsgrades. Hier werden aktiv und passiv teilnehmende Beobachtungen unterschieden.
Diese hier beschriebenen qualitativen Merkmale der angewendeten teilnehmenden Beobachtung sind in der vorwissenschaftlichen Arbeit offenzulegen. So wird gezeigt, warum, wie und unter welchen Rahmenbedingungen man gearbeitet hat.

Wichtige vorbereitende Fragen  für die Umsetzung einer teilnehmenden Beobachtung:

  • Warum möchte ich etwas beobachten? Was erwarte ich mir davon? Warum hilft mir die teilnehmende Beobachtung bei der Beantwortung meiner Fragestellung?
  • Was möchte ich beobachten? (Nicht alle Aspekte einer Aktivität müssen für die Beantwortung einer bestimmten Fragestellung relevant sein!)
  • Wen muss ich darüber informieren, dass ich etwas beobachten will? Überschreite ich rechtliche Grenzen? 
  • Welchen Zeitpunkt wähle ich für die teilnehmende Beobachtung? Wann ist eine solche passend/zielführend?

Die Dokumentation einer teilnehmenden Beobachtung:
Beobachtet man eine Aktivität oder nimmt man z.B. an einer gesellschaftlichen Veranstaltung, einem religiösen Ritual oder einem familiären Fest teil, so muss/soll das Erlebte und teilnehmend Beobachtete dokumentiert werden:

  • Man dokumentiert jene Aspekte, Vorkommnisse, Gegebenheiten, die besonders aufgefallen sind, die interessant waren, die mit der Beantwortung der eigenen Fragestellung zu tun haben. Was der jungen Forscherin/dem jungen Forscher interessant erscheint, was besonders spannend ist, das ist auch wichtig. Empirisches Erleben bringt einen Zugewinn an Wissen und Erfahrung!
  • Was wie dokumentiert wird, hängt von der beobachteten Aktivität ab. (Z.B. macht es einen Unterschied, ob man bei einem Fußballspiel im Stadion etwas beobachtet oder bei einer christlichen Taufe anwesend ist.)
  • Mögliche Dokumentationsmethoden für eine teilnehmende Beobachtung sind: Forschungstagebuch oder Gedankenprotokoll (im Nachhinein!), Notizbuch (währenddessen, wenn der Situation angemessen!), Fotografieren (währenddessen, wenn erlaubt!), Filmaufnahmen (währenddessen, wenn erlaubt!), Audioaufnahmen (währenddessen, wenn erlaubt!).

Die Auswertung der (festgehaltenen) Daten:
Forschungstagebücher oder Beobachtungsprotokolle werden nach dem „Forschen“ ausgewertet. Die wichtigen Aspekte der Aufzeichnungen, die dir helfen, einen Sachverhalt zu beschreiben und deine Fragestellung zu beantworten, werden identifiziert und im Anschluss für die schriftliche Arbeit verwendet!
 

Mischform teilstrukturierte, direkte, teilnehmende Beobachtung Anwendungsbeispiel aus der Ethologie

Protokollbogen einer Tierbeobachtung für erfahrene, geübte Beobachter/innen (etwa im Rahmen der VWA)

Thema: Rassenspezifische Unterschiede im Verhalten von Stubenkatzen
 

Erfassung der Häufigkeit bestimmter Verhaltensweisen von Stubenkatzen
Protokollbogen Nr.:Name des Beobachters/der Beobachterin:
Tierart/Rasse:Beobachtetes Individuum:Alter des Tieres:
Gruppengröße:Gruppenmitglieder/Beziehungen:
Beobachtungszeitraum:Datum der Beobachtung:Beginn der Beobachtung:
 Wetter:Ende der Beobachtung:

Laden Sie hier ein Formular zur Bestimmung der Zeitdauer von beobachteten Verhaltenselementen herunter.