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Methode: Einzelfallanalyse

Bei einer Einzelfallanalyse wird ein einzelner „Fall“ untersucht. Ein Fall kann eine Person, eine Personengruppe (z. B.: Familie, Schulklasse, …) eine Organisation (z.B. ein Unternehmen, eine bestimmte Schule, …), eine Situation (Pausen, Woche vor der Matura, eine Aufsehen erregende Gerichtsverhandlung, ...) oder ein Prozess (z. B.: Eingewöhnungsphase im Kindergarten, Aufnahme im Krankenhaus, …) sein.1 Dieser Einzelfall wird durch gezielte Beobachtung systematisch beschrieben, die erhobenen Daten werden reflektiert und nach Gesetzmäßigkeiten sinnhaft interpretiert. Methoden dazu sind z. B.: Messung, teilnehmende Beobachtung, Interviews, Befragungen, die Antworten zur Fragestellung/Forschungsfrage liefern.2

Die einzelnen Methoden werden häufig kombiniert. Grundsätzlich werden für die Forschungsfrage die effizientesten Methoden ausgewählt.

Durch die starke Eingrenzung kann der Fall ganz genau mit vielen Details beobachtet und dargestellt werden.3 Ziel ist dabei, etwas an dem Fall besser zu verstehen. Man kann individuelle Zusammenhänge, Ursachen und Auffassungen beziehungsweise individuelle Prozesse und Entwicklungen genauer betrachten.

Ist ein Einzelfall zu wenig?

Der Einzelfall ist nicht zu wenig, allerdings auch nicht weniger Arbeit. Die Begrenzung auf einen Fall ist dann sinnvoll, wenn individuelle Perspektiven (z. B.: Wie nimmt ein Jugendlicher eine Stresssituation wie die bevorstehende Matura wahr), komplexe Phänomene wie Deutungsmuster (z. B.: Wie wird ein außergewöhnliches Ereignis wie eine Gerichtsverhandlung mit prominenten Angeklagten in der Tagespresse rezensiert und interpretiert), Handlungsmuster (z. B.: Wie gehen Kinder mit einer unbekannten Situation wie dem ersten Schultag um), individuelle Entwicklungsverläufe (z. B.: Was verändert sich für einen Jugendlichen, wenn er anfängt, jeden Tag Sport zu machen) oder Prozesse (z. B.: Wie läuft die Vorbereitung für ein Schuljahr im Ausland ab) von Interesse sind. Im Gegensatz zu einer quantitativen Umfrage, die über große Stichproben Erkenntnisse über die Allgemeinheit gewinnen will, wird in der Einzelfallstudie durch die Erfassung vieler Details versucht tiefgreifende Erkenntnisse über den einen Fall zu bekommen.4 Das heiß, dass in der Einzelfallanalyse auch viele Daten erhoben werden, allerdings nur von einem Fall.

Für eine VWA kann ein Fall ausgewählt und beschrieben werden. Man kann aber auch zwei oder drei Fälle auswählen und einen Fallvergleich vornehmen.

Vorgehen, Dokumentation und Auswertung

Ausgangspunkt der VWA ist die Fragestellung und ihre Beantwortung. Nur wenn man weiß, was man untersuchen möchte, kann man sinnvolle Entscheidungen zu Vorgehen und Methode treffen. Wesentlich ist, dass die Einzelfallanalyse in einen theoretischen Rahmen eingebettet wird. Dazu gehören Begriffsklärungen und die Anbindung an Literatur.
Folgend sind die wichtigsten Entscheidungsschritte aufgelistet:

1. Fragestellung
Formulierung der Fragestellung: Was soll herausgefunden werden, was also mit der Fallanalyse bezweckt werden?

2. Fallauswahl
Nun muss ein Fall ausgewählt werden. Es kann sich um einen typischen oder außergewöhnlichen Fall handeln (je nach Fragestellung). Das heißt, es ist zu entscheiden, WORÜBER man mehr wissen und WAS man untersuchen möchte.

3. Fallabgrenzung
Wenn man weiß, WAS man untersuchen möchte, muss überlegt werden, wie dieser Fall abzugrenzen ist. Handelt es sich z.B. um eine Person, gilt es festzulegen welchen Aspekt man in welchem Kontext untersuchen möchte. Handelt es sich um eine Situation oder Prozess, muss man sich Gedanken machen, was die Situation/den Prozess ausmacht, wann Start und Endpunkt sind, wer beteiligt ist, etc.

4. Methodenauswahl und Methodenmix
Prinzipiell stehen alle Methoden der empirischen Sozialforschung zu Verfügung. Je nach Fragestellung kann man messen, beobachten, interviewen, Dokumente analysieren und auch verschiedene Methoden mixen.

5. Dokumentation
Unabhängig von der Methodenauswahl müssen alle Methoden und Vorgehensweisen systematisch und nachvollziehbar dokumentiert werden. Das heißt durch nummerierte Transkripte, Aufzeichnungen, Notizen, Videomaterial, etc …. Diese können, müssen aber nicht im Anhang der VWA veröffentlicht werden.
In denjenigen Teilen der VWA, in denen mit Literatur gearbeitet wurde muss die verwendete Literatur klar ausgewiesen und die Literaturauswahl begründet werden.
Die Methode und die Vorgehensweise müssen im Hauptteil der Arbeit beschrieben werden.

6. Auswertung
Die Ergebnisse müssen in einem eigenen Kapitel präsentiert und analysiert werden. Die Auswertung der Daten erfolgt gemäß der verwendeten Forschungsmethode. Insgesamt geht es darum, die erhobenen Daten zu interpretieren. Dabei sind immer genaue Verweise auf das Datenmaterial anzugeben (z. B.: „Tagebuchmessung 3, S. 7„ oder „Interview 1, S. 5, Zeile 7”).

Beispiel: Wie geht ein Jugendlicher mit einer Stresssituation - am Beispiel der Matura - um?

Ad 1 und 2) Zu dem Fall gehören der Jugendliche, die Matura und alles aus seinem Umfeld, das unterstützend oder stressend sein könnte. Eine Abgrenzung kann daher erst erfolgen, wenn man erste Informationen zum Fall hat (z. B.: durch Literaturrecherche zu „Umgang mit Stress” oder/und ein Interview).

Ad 3) Da das Interesse in dem individuellen Umgang und der subjektiven Einschätzung des Jugendlichen liegt, bietet es sich an, ein oder mehrere Interviews zu verschiedenen Zeitpunkten mit dem Jugendlichen und eine Beobachtung durchzuführen (z. B. der Jugendliche vor, zwischen und nach der Matura). Eine Dokumentenanalyse der Zeugnisse, Beurteilungen und Einschätzungen von Lehrer/innen könnten den Fall ergänzen. Als weitere Datenerhebung könnte der Jugendliche ein Tagebuch führen, in dem er anhand einfacher Messskalen seinen Stresslevel, seine Befindlichkeit oder Ähnliches in Verbindung mit der Matura misst und dokumentiert.

Ad 4) Das Interview muss aufgenommen und zumindest teilweise transkribiert werden. Die Beobachtungen müssen in Form von Protokollen festgehalten werden. Die Dokumente müssen gesammelt und nummeriert werden. Das Tagebuch kann anhand von statistischen Methoden ausgewertet werden, wenn quantitative Skalen verwendet wurden. Diese Dokumentation ist wichtig, da in der Arbeit systematisch auf die Daten verwiesen werden muss (das heißt mit Angabe zu Art der Daten und genaue Seite; z. B.: „Interviewtranskript 2, Seite 4, Zeile 15”).

Ad 5) Ergebnisse in diesem Fall sind, welche konkreten Handlungen dieser Jugendliche setzt, um mit der Matura umzugehen. Dabei kann auf alle erhoben Daten verwiesen werden (z. B.: Aussagen aus Interviews, notierten Beobachtungen, Auszüge aus Dokumenten, …).

Führt man die unterschiedlichen Ergebnisse zusammen, können folgende Fragen hilfreich sein:

  • Versteht man unter Berücksichtigung aller Daten die Einschätzungen, Perspektiven und Handlungsweisen der beteiligten Personen des Falles (im oberen Beispiel wären dies die Gedanken des Jugendlichen)?
  • Welche Gründe und Ursachen lassen sich in den Daten für das Sosein5 des untersuchten Falles finden (im oberen Beispiel das Sosein des Jugendlichen)?
  • Warum sind die Gegebenheiten (in oberem Beispiel wären dies die Handlungen und Gefühle des Jugendlichen) genau so und nicht anders? Welche Hinweise finden sich dazu in den Daten?
  • Wie stehen die Informationen in Beziehung zueinander? Gibt es z. B. Widersprüche oder Irritationen zwischen den untersuchten Quellen?

1 Hering, Linda/Schmidt, Robert J. : Einzelfallanalyse. In Baur, Nina/Blasius, Jörg (Hrsg.): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Wiesbaden: Springer, 2014, S. 529.
2 ebda., S. 529.
3 Mayring, Philipp: Einführung in die Qualitative Sozialforschung. Weinheim: Beltz Studium, 2002, S. 41.
4 Bude, H. Fallrekonstruktion. In: Bohnsack, Ralf/Marotzki, Winfried/Meuser, Michael (Hrsg.): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske+Budrich, 2003, S. 60.
5 Bude, H. (2003): Fallrekonstruktion. In: Bohnsack, R.; Marotzki, W. und Meuser, M. (Hrsg.): Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske+Budrich, S. 60.