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Methode: Historische Filmanalyse

Die Untersuchung historischer Filme ist eine sehr geeignete Aufgabenstellung für eine VWA, da sie gut eingrenzbar ist und zugleich die Möglichkeit bietet, substanzielles inhaltliches Wissen und außerordentlich relevante methodische Fertigkeiten zu zeigen. Folgende Aspekte sind dabei zu beachten:

  • Der anhaltende Geschichtsboom seit den 80er-Jahren wurde und wird ganz zentral durch filmische Geschichtsdarstellungen getragen (z. B. „Holocaust“ [1987], „Schindlers Liste“ [1993], „Soldat James Ryan“ [1998], „Gladiator“ [2000])
  • Filme mit historischen Bezügen lassen sich auf zwei Arten untersuchen: Entweder sie werden als filmische Quellen (z. B. Aufnahmen von Familienfeiern als Quelle für Alltagsgeschichte) verwendet oder als filmische Geschichtsdarstellungen (Dokumentationen oder Spielfilme). Allerdings können auch filmische Geschichtsdarstellungen zu Quellen werden, wenn dies die Fragestellung verlangt (z. B. US-amerikanische Antikenfilme der 60er- und 70er-Jahre als Metapher des Kalten Kriegs).
  • Filmische Geschichtsdarstellungen sind immer Rekonstruktionen. Selbst eine genau recherchierte Dokumentation kann niemals alle Fakten kennen. Sie zeigt daher nie, wie es „wirklich gewesen ist“, sondern muss mutmaßen, Leerstellen ausblenden oder Details glaubwürdig hinzufügen. Wie jede andere historische Darstellung ist sie notwendigerweise eine Auswahl, die durch die zeitgenössische Perspektive jener Menschen beeinflusst wird, die sie produzieren. Es gibt im Medium des Films, wie in allen anderen Medien auch, keine objektive Darstellung historischer Verläufe. Entscheidend für die Interpretation ist der zeitgebundene Kontext, in dem die filmische Darstellung entstanden ist.
  • Historische Spielfilme aber auch Dokumentationen haben immer eine bestimmte Wirkabsicht. Sie wollen etwas Bestimmtes beim Zuseher/bei der Zuseherin erreichen, etwa Emotionen, bestimmte Geschichtsbilder erwirken oder Meinungen beeinflussen. Dies trifft auch dann zu, wenn keine bewussten manipulativen Absichten zugrunde liegen. Filme lassen sich hinsichtlich ihrer inhaltlichen (Was?) und ihrer ästhetischen Umsetzung (Wie?) analysieren. Interessant ist, wie beide Seiten aufeinander bezogen sind, mit welchen Gestaltungsmitteln also welche Inhalte dargestellt werden.
  • Um filmische Darstellungen von rekonstruierter Geschichte analysieren zu können, kann man die analytische Sprache der Filmanalyse verwenden. Mit ihr ist es möglich, Szenen kleinteilig zu analysieren, Elemente zu benennen und so Wirkeffekte und -absichten herauszuarbeiten.

Wie kann man Filme analysieren?

Kontext und Grobanalyse

  • Eckdaten: Titel, Regisseur, Produzent, Drehbuchautor, Erscheinungsjahr, SchauspielerInnen, gewonnene Preise, beteiligte Länder etc.
  • Genre: Dokumentarfilm (faktisch, Faktentreue) oder Spielfilm (fiktional); heute gibt es vielfach Mischformen (z. B. Doku-Drama, Spielfilmszene in Doku, sog. Docutainment)
  • Handlungsanalyse (Plot): Handlungsverlaufskurve zeichnen (Wendepunkte, Exposition etc.), Analyse im Rahmen von Modellen wie der Heldenreise, 5-Akt-Schema oder dem Schema von Syd Field, Zeit- und Raumgestaltung, Erzählperspektive, Plot und Story vergleichen,
  • Dramaturgie: Spannungsverlauf, Einsatz filmischer Mittel zur Rezeptionslenkung und Spannungserzeugung, erzählerische Umsetzung (Diskurs vs. Plot)
  • Inhaltsanalyse: historisches Thema oder Person
  • Figurencharakteristik und -konstellation: Steckbriefe, Beziehungsnetzwerk der Figuren, Gegenüberstellung von Figureneigenschaften

Detailanalyse
Bei der Szenenanalyse wird ein kurzer Ausschnitt aus dem Film verwendet, der im Detail analysiert wird.

  • Bild:
    • Kameraperspektive: Vogel- bis Froschperspektive
    • Kameraeinstellung: Panorama, Totale, Halbtotale, Halbnah, Amerikanisch, Nah, Groß, Detail, Over-the-Shoulder-Shot, Point-of-View-Shot
    • Kamerabewegung: Kameraschwenk und Kamerafahrt
    • Schnitt: harter Schnitt, weicher Schnitt, Jump-Cut, Match-Cut, Parallelmontage, Schuss-Gegenschuss-Verfahren
    • Montage: Vermischung unterschiedlicher Darstellungen, Genres (fiktionale und nonfiktionale Szenen) oder Szenen
  • Ton und Musik: Lautstärke, Geschwindigkeit, Rhythmus, verwendete Instrumente, musikalische Motivik und Leitthemen, Verbindung von Szene und Musik, Sprache, Kommentare
  • Licht: Einsatz von Beleuchtung, Farbgebung, Kontraste, Symboliken
  • Ausstattung
  • Spezialeffekte
  • Dokumentarische Formen: Bildmaterial, Zeitzeugeninterviews, Archivmaterial etc.

Zur Analyse lässt sich ein sogenanntes Sequenzprotokoll erstellen. Selbst die Analyse sehr kurzer Sequenzen ist mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden, dies trifft besonders auf den modernen Spielfilm aufgrund der raschen Schnittfolge zu. Daher sind solche Analysen nur für Schlüsselszenen zu empfehlen. Ein Beispiel für ein solches Sequenzprotokoll könnte etwa so aussehen:

Einstellung (#)DauerKameraperspektive, -einstellung und -bewegungWas sieht man?Was hört man?

Wie lässt sich die Analyse weiterverwenden?

Die Filmanalyse ist das Handwerkszeug zur Zerlegung audiovisueller Darstellungen. Sie ist aber kein Selbstzweck, sondern stellt die Grundlage dar, auf deren Basis das filmische Material entsprechend einer spezifischen Forschungsfrage bearbeitet wird. Das Ziel ist es, filmästhetische Umsetzung und Inhalte auf einen bestimmten Kontext zu beziehen. Beispiele dafür können etwa sein:

  • Filmästhetische/-historische Fragestellungen: Inwiefern lässt sich bei dem audiovisuellen Material von einem bestimmten Stil/Genre, einer bestimmten künstlerischen Innovation etc. sprechen? Sind die filmästhetischen Mittel für den filmgeschichtlichen Kontext, das Genre, den Regisseur/die Regisseurin (un-)typisch? Lässt die filmästhetische Umsetzung Rückschlüsse auf den wirtschaftlichen (Miss-)Erfolg, die Rezeption oder die Publikumserwartung zu?
  • Soziologische Fragestellungen: Welches gesellschaftliche Thema, welcher Sachverhalt, welche Problemlage, welcher Konflikt werden dargestellt? Welche Zuschreibungen (Sympathie, Opfer/Täter, Stereotypen, Vorurteile etc.) inszeniert der Film? Inwiefern entwirft der Film Lösungen? Mit welchen filmästhetischen Mitteln werden wissenschaftliche Theorien vereinfacht und populär dargestellt?
  • Politische Fragestellungen: Welche politische Gesamtaussage hat der Film im Entstehungskontext? Welche Faktoren mit politischen Implikationen (Fördergeber, Auftraggeber, politische Ansichten des Regisseurs etc.) haben den Film beeinflusst? Welche filmästhetische Mittel werden genutzt, um eine bestimmte politische Wirkung implizit oder explizit zu erzielen (v. a. etwa Symboliken)? Inwiefern werden in dem Film ideologische Einflüsse sichtbar?
  • Historische Fragestellungen: Wie werden historische Prozesse hinsichtlich einer bestimmten Gesamtaussage oder Wirkabsicht dargestellt und abgeändert? Welche filmästhetischen Mittel werden eingesetzt, um historische Ereignisse zu dramatisieren? Welche Authentifizierungsstrategien werden verwendet, damit die filmische Darstellung sich als glaubhaft präsentiert? Welche Geschichtsbilder werden aus welchen Gründen präsentiert?

Literatur:
Ammerer, Heinrich: Filmanalyse. Arbeitsblätter für einen kompetenzorientierten Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts., 2016.Beicken, Peter: Wie interpretiert man einen Film? Stuttgart, 2004.
Fischer, Thomas / Schuhbauer, Thomas: Geschichte in Film und Fernsehen. Theorie – Praxis – Berufsfelder. Wien u. a., 2016.
Ganguly, Martin: Filmanalyse. Stuttgart, 2011.
Kleinhans, Bernd: Filme im Geschichtsunterricht – Formate, Methoden, Ziele. St. Ingbert, 2016.