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Methode: Zeitzeug/inn/eninterview

Warum ein Interview führen?

Wenn wir die Stimmen von Menschen hören, die über persönliche Erfahrungen berichten, wird Geschichte lebendig. Das ist die große Qualität von Interviews. Sie können die historischen Arbeiten bereichern und ergänzen. Zu beachten ist dabei, dass die Erzählungen und Erinnerungen der Interviewten persönlich gefärbt, manchmal „verfärbt“ sind. Sie erzählen nicht die Geschichte, sondern ihre Geschichte.

Ein Interview zu planen, zu führen und auszuwerten ist sehr zeitaufwändig. Deshalb ist es wichtig, sich vorab folgende Frage zu stellen:

  • Warum möchte ich ein Interview führen?
  • Was sind meine Ziele?
  • Inwiefern soll das Interview in die Arbeit einfließen?
  • Was erfahre ich durch das Interview, das ich durch andere Quellen nicht erfahre?

Wie werden Interviews vorbereitet?

1. Auswahl von Interviewperson(en)

Bei der Auswahl von Interviewperson(en) sollten folgende Fragen berücksichtigt werden:

  • Wie viele Interviews möchte ich führen?
  • Soll es vor allem um die Lebensgeschichte eines Menschen gehen, die in der Arbeit dargestellt wird? Oder möchte ich mehrere Menschen zu einem Thema befragen, um zu aussagekräftigen Schlüssen zu gelangen?
  • Wie komme ich zu Menschen, die zu „meinem“ Thema über persönliche Erfahrungen berichten können? (Über Bekannte? Über einen Aufruf in einer Zeitung?, …)

2. Vorgespräch mit Interviewperson(en)

Das Vorgespräch ist von aus zwei Gründen von großer Bedeutung: Einerseits erfährt die Interviewperson das genaue Thema der Arbeit und welches Ziel der/die Interviewerin mit dem Interview verfolgt, andererseits wird sie darüber informiert, was von ihr erwartet wird.

Inhalte des Vorgesprächs sind dementsprechend:

  • Die Interviewperson(en) werden gebeten, dass sie sich ausreichend Zeit für das Gespräch nehmen.
  • Sie werden gefragt, welche Fragen sie zum Interview haben, was sie gerne wissen möchten.
  • Es wird gemeinsam geklärt, wo das Interview genau stattfinden wird.
  • Sie werden darüber informiert, dass das Gespräch aufgezeichnet wird.
  • Sie werden darüber informiert, dass sie eine „Rechtevereinbarung“ unterschreiben werden, die die Verwendung des Interviews regelt. Sie haben hier auch die Möglichkeit, Passagen des Gespräches, die nicht veröffentlicht werden sollen, auszunehmen.

3. Inhaltliche Vorbereitung zum Thema des Interviews

Wie jedes Interview darf auch das Zeitzeugeninterview nicht dazu dienen, Dinge zu erfragen, die in der Literatur gut abgebildet sind. Zur inhaltlichen Vorbereitung gehört also das Einlesen in den spezifischen Themenbereich.

Darüber hinaus sollte geklärt werden, ob man in Archiven (Stadt-, Landes-, Gemeindearchiv, Pfarrarchiv, …) historische Dokumente oder Fotos zum Thema einsehen kann.

4. Leitfaden vorbereiten

Auch beim Zeitzeuginneninterview sind die allgemein gültigen Kriterien für einen Interviewleitfaden zu beachten:

  • Es ist wichtig, auf offene Fragen zu achten, die das Erzählen fördern, also z.B. „Welche Erinnerungen haben Sie an das Ereignis xx“ statt „Erinnern Sie sich noch an das Ereignis xx“, wo nur mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet wird.
  • Themencluster bilden, z.B. Kindheit, Beruf, Familie, Hobbies, historisches Thema, etc., und die Fragen dann inhaltlich entsprechend gruppieren.
  • Als Einstieg sollten Fragen gestellt werden, die eher positive Erinnerungen hervorrufen (z.B. nach schönen Kindheitserinnerungen, oder nach dem beruflichen Lebensweg, …) erst später solche, die auf das Erzählen von schwierigen Erfahrungen abzielen.
  • Je konkreter die Frage, desto kürzer und prägnanter die Antwort. Je offener die Frage, desto mehr lädt sie zum Erzählen ein. Welche Frageform gewählt wird, hängt vom Ziel des Interviews ab.

5. Überlegungen zum Setting des Interviews

Wichtig ist bei der Ortswahl darauf zu achten, dass dort über einen längeren Zeitraum ungestört und in Ruhe gesprochen werden kann. Dann sollte geklärt werden, ob noch jemand beim Interview dabei sein wird (z.B. Ehepartner/in, Kind, …)

Ein Vorteil könnte sein, dass die Anwesenheit einer vertrauten Person dem/der Interviewten Sicherheit gibt und so die Gesprächsatmosphäre gefördert werden kann.

Nachteil: Es wird eventuell nicht alles erzählt, um die Anwesenden zu schützen. Ein weiterer Nachteil könnte sein, dass sich diese ins Gespräch einmischen und somit den Erzählfluss stören.

6. Technische Vorbereitung

Bei der Festlegung sind mehrere Fragen zu klären:

  • In welcher Tonqualität soll das Interview aufgezeichnet werden? Ist es nur für mich und meine Arbeit wichtig? Oder könnte es später an ein Archiv übergeben werden? Soll es auch über die Arbeit hinausgehend Verwendung finden (z.B. jemandem Ausschnitte daraus vorspielen, …)
  • Mit welchem Gerät wird das Interview aufgezeichnet? Bin ich mit dem Gerät ausreichend vertraut? Habe ich das Aufnehmen ausprobiert?
  • Gibt es am Interviewort Möglichkeiten zum Aufladen des Aufnahmegerätes, falls Bedarf besteht?

 

Wie werden Interviews durchgeführt?

1. Einstimmen

Vor Beginn des Interviews werden noch einmal die Rahmenbedingungen (er-/ge)klärt: geschätzte Dauer, was tun bei Unterbrechungen (z.B. Telefon läutet). Die Interviewperson wird darauf hingewiesen, dass er/sie das Gespräch jederzeit pausieren und auch abbrechen kann (wenn es z.B. um ein sehr emotionales Thema geht, wenn er/sie müde wird, …). Oft beginnen die Interviewpersonen beim „Warmplaudern“ schon damit, über ihre Erfahrungen zu berichten. Den Erzählenden hier zu stoppen und zu bitten, auf die Aufnahme zu warten, erzeugt eine künstliche Gesprächssituation und bremst den Erzählfluss. Deshalb ist es besser, das in dieser Phase Erzählte danach in einem Gedächtnisprotokoll zu erfassen.

2. Beginn

Zu Beginn der Aufnahme nennt der/die Interviewer/in das Datum, den Interviewort, den Namen der Interviewperson und den eigenen Namen. Erst danach wird die Eröffnungsfrage gestellt.

3. Dauer, Pausen

Die Dauer von Interviews variiert prinzipiell stark und hängt u.a. sehr vom Erzählstil der Interviewperson ab. Lebensgeschichtliche Interviews dauern erfahrungsgemäß wesentlich länger (mind. 1,5 Stunden, nach oben offen) als thematische Interviews, bei denen es um ein bestimmtes historisches Ereignis oder Thema geht.

4. Während des Interviews

Je wohler sich der/die Erzählende fühlt, desto mehr wird er/sie bereit sein, sich auf das Interview einzulassen. Der/die Interviewer/in sollte also

  • dem Erzählenden körpersprachlich Aufmerksamkeit und Interesse signalisieren (Zuwenden, Augenkontakt, Mimik, …),
  • den Erzählfluss unterstützen: Gesprächspausen aushalten, Zeit geben, offene Fragen stellen, ausreden lassen,
  • bei eigenen Ermüdungserscheinungen eine Pause vereinbaren,
  • auf Anzeichen beim Interviewpartner achten, die eine Pause erfordern,
  • zum Abschluss die Frage stellen, ob der/die Interviewte noch etwas sagen möchte, ob etwas offen geblieben ist…

5. Rechte

Es sollte eine Rechtevereinbarung vorbereitet werden,  die der/die Interviewte nach dem Interview unterschreibt. Sie beinhaltet zumindest die folgenden Punkte: 

 

Ich bin damit einverstanden,

  • dass das Interview digital aufgezeichnet wird.

   O ja  O nein

  • dass das Interview transkribiert wird.

   O ja  O nein

  • dass ausgewählte Passagen des transkribierten Interviews in der VWA zitiert werden.

   O ja  O nein

  • dass das transkribierte Interview der VWA beigelegt wird.

   O ja  O nein

Unter den oben angeführten Bedingungen erkläre ich mich bereit, das Interview zu geben.

 

Vor- und Nachname (Druckschrift): ………………………………………………………………………

Ort und Datum: ………………………………………………………………………

Unterschrift: ………………………………………………………………………….

 

Zu klären ist auch klären, ob der/die Interviewte die Gesprächspassagen, die dann in der Arbeit verwendet werden sollen, vorher noch einmal sehen und dazu seine Einwilligung geben möchte. Außerdem: Darf der volle Name genannt werden? Oder sollen die Aussagen anonymisiert wiedergegeben werden?

6. Ausklingen lassen/Abschied

Oft reden die Interviewpersonen nach dem offiziellen Ende des Interviews noch weiter, weil ihnen noch weitere Episoden einfallen, etc. Hier gilt das gleiche wie oben („Einstimmen“).

Bei sehr emotionalen Themen ist es wichtig, die Interviewperson in die Gegenwart „zurückzuholen“, z.B. mit ihm/ihr über die Pläne der kommenden Tage zu sprechen, …

Darüber informieren, wie es nun mit dem Interview weiter geht. Klären, ob die Interviewperson eine Kopie der Aufnahme haben möchte.

7. Im Anschluss

Nach dem Interview sollte in jedem Fall ein Gesprächsprotokoll verfasst werden, um Erzähltes, das nicht aufgezeichnet wurde, zu sichern. Auch die eigenen Eindrücke sollen hier Platz finden: Wie ging es mir beim Gespräch?

Beim Transkribieren des Interviews sollten in diesem Fall – des Zeitzeugeninterviews - auch Räusperer, Pausen, Wiederholungen, Seufzer, grammatikalische Fehler etc. aufzuschreiben, da sie oft sehr aussagestark sind und die Gefühlslage des/der Interviewten verdeutlichen.

Für die VWA müssen zumindest diejenigen Passagen sorgfältig transkribiert werden, die auch tatsächlich für die Arbeit verwendet (also zitiert) werden.

8. Auswertung des Interviews

Grundsätzlich gibt es unzählige Auswertungsmethoden für Interviews, die in den letzten Jahrzehnten von Wissenschafter/innen entwickelt wurden. Viele davon sind zeitaufwändig zu erlernen und würden den Rahmen einer vorwissenschaftlichen Arbeit weit sprengen. 

Im Rahmen einer VWA ist zu überlegen: Soll das Gespräch als Ganzes oder nur in Teilen verschriftlicht (transkribiert) werden? Dabei sind folgende Fragen von Bedeutung:

  • Dienen die Aussagen vor allem zur Veranschaulichung von historischen Fakten? Dann geht es vor allem darum, aus dem Interview treffende Gesprächspassagen herauszufiltern.
  • Geht es vor allem um die Darstellung einer einzelnen Lebensgeschichte (und hier liegt die wahrscheinlich größte Qualität solcher Interviews), kann den Erinnerungen und Erzählungen dieses Menschen in der Arbeit viel Raum gegeben werden. Gerade in diesem Fall ist es wichtig, die Darstellung nicht nur mit biographischen Dokumenten anzureichern (wie Fotos, Briefe, etc.), sondern sie auch mit historischen Quellen abzugleichen. 
  • In der Geschichtswissenschaft geht es oft auch darum, durch das Interview bisher unbekannte historische Fakten zu erheben. Dann braucht es einen Abgleich mit anderen Quellen zu einem dargestellten Ereignis (z.B. Zeitungsartikel, …). Denn durch das Erinnern und Erzählen werden die historischen Fakten oft verzerrt. Das ist ein ganz normaler, „menschlicher“ Vorgang.

9. Wie wird ein Interview in die Arbeit eingebaut?

In einer historischen VWA kommen vor allem zwei Auswertungsarten vor:

  • Das Interview zur Illustration von historischen Fakten:

So könnte zum Beispiel eine Fragestellung lauten: Wie erlebten jüdische Bürger/innen den Anschluss in Wien? Wenn man dazu selbst noch Zeitzeug/inn/en befragen kann, baut man jeweils inhaltlich passende Aussagen aus dem Interview in die entsprechenden Kapitel der Arbeit ein. So könnte es ein Kapitel zur Ausgrenzung in der Schule geben oder eines zum wirtschaftlichen Druck, der auf Jüdinnen und Juden ausgeübt wurde. Dazu passende Passagen aus den Interviews können in die inhaltlichen Kapitel eingefügt werden. Selbstverständlich können dafür auch videografierte Interviews verwendet werden, wie sie zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust zum Beispiel auf der Website von _erinnern.at_ verfügbar sind.

  • Die Darstellung einer Lebensgeschichte in einem historischen Kontext

Hier geht es darum, den historischen Rahmen darzustellen, in den sich eine Lebensgeschichte einfügt. Will man beispielsweise die Geschichte eines Großelternteils erzählen, das in den 70er Jahren als „Gastarbeiter/in“ nach Österreich kam, ist es wichtig, die wirtschaftliche und politische Situation im Herkunftsland als auch in Österreich darzustellen und auf die Rahmenbedingungen einzugehen, die zur Einwanderung führten und unter denen die sogenannten Gastarbeiter/innen hier lebten. Die Lebensgeschichte der befragten Interviewperson kann dann in diesem Kontext beschrieben werden. In der Arbeit wird abschließend aufgezeigt, in welchen Bereichen sich die die individuellen Erfahrungen mit der Geschichtsschreibung decken und ob es Punkte gibt, die sehr unterschiedlich dargestellt werden. Möglicherweise können für Erinnerungen, die von der gängigen Geschichtsschreibung abweichen, auch Gründe aus der Lebensgeschichte angeführt werden. 

In beiden Fällen können zwei Methoden (auch abwechselnd) angewendet werden:

  • Biographisches und Erzählpassagen zusammenfassend wiedergeben und sich auf Passagen aus dem Transkript beziehen und die Passage als indirektes Zitat belegen.
  • Aus dem Interview zitieren. Jedes Zitat belegen (z.B.: aus Interview mit XX, geführt am XX, von XX, Zeitangabe oder Seite Transkript).