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Theorien, Methoden und Forschungsfelder der Geschichtswissenschaft

Geschichte existiert nicht an sich, vielmehr unterliegt sie einem Entstehungsprozess durch die/den Untersuchende/n. Erst durch die Rückprojektion auf Vergangenes aus der eigenen Gegenwart heraus, wird Geschichte geschaffen, kann Vergangenem Sinn gegeben werden.

Geschichte kann nur auf Basis von Quellen, den oftmals nur zufällig überlieferten Resten von Vergangenheit, geschrieben werden, die mittels Untersuchung, Auslegung und Erklärung einen Zugang zur Vergangenheit eröffnen können. Quellen sind aber auch selbst reflektierende Stellungnahmen einer erlebten Vergangenheit, wurden in einem bestimmten Kontext, unter bestimmten Bedingungen, von bestimmten Personen, mit einem bestimmten Ziel verfasst. Dementsprechend sind sie zu dekonstruieren, also kritisch zu analysieren und interpretieren sowie zu kontextualisieren. Die drei wichtigsten Kontexte sind dabei „der Mensch […] als biologisches, geschlechtliches, emotionales, rationales, kulturelles, soziales und individuelles Wesen, die geographischen und kulturräumlichen Gegebenheiten, unter den Menschen leben (,Raum‘), sowie die objektive und subjektive Zeit“ (Steffens/Dickerson/Schmale 2006, 18).

Durch neue Quellenfunde ebenso wie neue Fragestellungen, aus denen sich wiederum neue methodische Zugänge entwickeln, ist Geschichte ein nie abgeschlossener Prozess der Darstellung von Vergangenheit. Geschichtswissenschaft ist geprägt durch „eine ‚historische Betrachtungsweise‘ ihres Gegenstandes […], aber keine zusammenhängende, geschlossene Methode. Vielmehr nutzt sie in der bunten Vielfalt ihrer Forschungsperspektiven und theoretischen Ansätze ein ebenso breites Spektrum von Forschungsmethoden und -verfahren“ (Welskopp 2008, 132) und ist somit methodenpluralistisch. Geschuldet ist dies der Vielfältigkeit des Untersuchungsmaterials ebenso wie der ständigen Reflexion der oft unsicheren Ergebnisse sowie deren Zustandekommen, die nicht wie in einem naturwissenschaftlichen Experiment exakt wiederhol- und überprüfbar sind. Die wichtigsten und auch heute noch gebräuchlichen geschichtswissenschaftlichen Ansätze werden im Folgenden kurz dargestellt:

1. Historismus und Historik

Mit der historiografischen Schule des Historismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert die Geschichtsschreibung zur wissenschaftlichen Disziplin, basierend auf der historischen Hermeneutik, oft auch einfach als „historische Methode“ bezeichnet, die für lange Zeit zur dominanten Untersuchungsmethode in der Geschichtswissenschaft wurde. Im Unterschied zum „erklärenden“ Ansatz der Naturwissenschaften ist bei der historischen Hermeneutik das „forschende Verstehen“ zentral. Nach Johann Gustav Droysen (1808–1884), einem der bedeutendsten Historiker und Geschichtstheoretiker seiner Zeit, basiert der historische Erkenntnisprozess aus der Abfolge dreier Arbeitsschritte:

1.1 Heuristik

Der erste Arbeitsschritt besteht in der Formulierung einer Fragestellung und der Überlegung, welche Aspekte und Quellen hierfür besonders relevant sein könnten. Darauf folgt die Quellensuche zur weiteren Präzisierung der Fragestellung.

Welche Quellen könnten für die Untersuchung der Fragestellung relevant sein?

1.2 Kritik

Anschließend werden die aufgefundenen Quellen einer „äußeren“ und „inneren“ kritischen Überprüfung unterzogen.

„äußere Kritik“

Untersuchung der formalen Aspekte:

  • Ist die Quelle echt?
  • Wann ist sie entstanden?
  • Wo ist sie entstanden?
  • Wer war die Verfasserin/der Verfasser?
  • War sie an Adressatinnen/Adressaten gerichtet oder diente sie rein privaten Zwecken?
  • Wer waren die möglichen Adressatinnen/Adressaten?
  • Handelt es sich dabei um eine primäre oder sekundäre Quelle?
  • Wie wurde die Quelle überliefert?
  • Wurde die Quelle (un-)vollständig überliefert?
  • Wie ist die Quelle aufgebaut?

„innere Kritik“

Kritische Auseinandersetzung mit der Informationsqualität der Quelle, der Zeitnähe, der Wahrnehmungsperspektive, der Wertungstendenz, der Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit:

  • Wie berichtete die Verfasserin/der Verfasser (Wortwahl, Sprache, Stil, Begrifflichkeit)?
  • Was berichtete die Verfasserin/der Verfasser?
  • Worüber wollte die Verfasserin/der Verfasser berichten? Worüber wird nicht berichtet?

Zur Klärung der Frage der Richtigkeit der Aussagen müssen diese mit anderen Angaben, also weiteren Quellen, verglichen werden.

Desgleichen ist aber auch die Überlieferungsform zu untersuchen:

  • Liegt die Quelle in Originalsprache oder Übersetzung vor?
  • Liegt die zu untersuchende Quelle ungekürzt oder gekürzt vor?

Im Anschluss daran erfolgt die Bewertung der Quelle hinsichtlich des Erkenntnisgewinns und ihrer Aussagekraft.

1.3. Die Interpretation oder die Lehre vom Verstehen bildet das Kernstück der geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisbildung, mittels der „die aus den Quellen gewonnenen Befunde geordnet und systematisiert und mit der Fragestellung quellenkritisch und sinnbildend verknüpft werden“ (Budde/Freist 2008, 161).

Den Abschluss bildet die narrative Niederschrift, wobei vier Interpretationsschritte vorzunehmen sind, die allerdings nicht als zeitliche Abfolge, sondern als gesamtinterpretatorische Leistung der Historikerin/des Historikers zu verstehen sind, nämlich:

1.3.1 „Pragmatische Interpretation“, also der kritischen Untersuchung der Quellen durch die Herstellung von Kausalzusammenhängen, mittels der eine Rekonstruktion vergangener Handlungen und Ereignisse vorgenommen werden kann. Auf Basis der Quellenkritik werden Schlüsse gezogen, welche historischen Ereignisse oder Prozesse sich auf andere Ereignisse und Prozesse auswirkten bzw. diese bedingten.

1.3.2 „Interpretation der Bedingungen“, also den örtlichen und zeitlichen Gegebenheiten sowie den damals zur Verfügung gestandenen Mitteln. So sind etwa bei der Untersuchung einer Kriegsschlacht die geographischen Bedingungen, die technischen Möglichkeiten, die Wetterverhältnisse oder die Dauer der Schlacht zu berücksichtigen.

1.3.3 „Psychologischen Interpretation“, mittels der das Verhalten, die Handlungsweisen und die Charaktereigenschaften anderer Menschen untersucht wird,

1.3.4 „Interpretation der Ideen“, durch die ein Ereignis oder eine Handlungsweise Rückschlüsse auf die Ideenkonstellationen zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort unter bestimmten historischen Bedingungen zulässt. Die Historikerin/der Historiker deutet ein „einzelnes Ereignis oder eine bestimmte Handlung, die er beschreibt, nicht mehr nur als einzelne Geschehen oder einzelnen Akt“, sondern „versucht […] vielmehr, das Ereignis oder die Handlung als Ausdruck höherer Zusammenhänge“ (Jordan 2016, 49), auch Ideen genannt, zu interpretieren.

Der Fokus der damaligen Forschungen lag auf der politischen Geschichte, der Welt- bzw. Universalgeschichte, und jener von „großen Männern“ gemachten Geschichte, u. a. auch weil hauptsächlich Quellen über und von Personen herrschender Schichten vorlagen.

Im Mittelpunkt stand dabei die Untersuchung des Verhältnisses der Staaten untereinander, weshalb für die Forschungsarbeiten aus diesem Zeitraum auch vom „Primat der Außenpolitik“ gesprochen wird, da „die Staaten“, wie Stefan Jordan meint, „zu den eigentlichen Akteuren der Geschichte [gerieten]“ (Jordan 2016, 60).

Beispiele:

Droysen, Johann Gustav: Geschichte Alexanders des Großen. Hamburg 1833.

Mommsen, Theodor: Römische Geschichte, Bde. 1–3. Leipzig 1854–1856.

Dieser auf den Einzelfall bzw. das Individuelle gerichtete Blick geriet Mitte des 20. Jahrhunderts, beeinflusst durch die Sozialwissenschaften, zunehmend in Kritik, deren Vertreter/innen „gegen ein gewissermaßen freihändiges hermeneutisches Verstehen […] theoriegeleitetes Erklären ins Feld [führten]“ (Nathaus 2012). Mit der Frage nach dem „Vetorecht der Quellen“ beeinflusste etwa der deutsche Historiker Reinhart Kosellek (1923–2006) in den 1970er-Jahren die Diskussion über „Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft“ (Jordan 2010). Zwar werden die Möglichkeiten einer parteilichen Auslegung von Geschichte durch dieses Vetorecht auf Quellen beschränkt, die sich mittels Quellenkritik nicht eindeutig als wahr oder falsch nachweisen lassen, andererseits widerspricht Koselleck „einem naiven Objektivismus, nach dem historische Tatsachen überzeitlich – also ohne die Perspektivität des jeweiligen Historikers in seiner Zeit zu berücksichtigen – verstanden und dargestellt werden können“ (ebd.). Zwar lässt sich der Wahrheits- und Objektivitätsgehalt von Aussagen über die Geschichte verifizieren oder falsifizieren, jedoch kann die Untersuchung eines noch so umfassenden Quellenkorpus nicht zu einer „Wahrheit der Geschichte“ (ebd.) führen, da die Quellen per se nichts aussagen und erst durch die Fragestellung und Zuwendung der Historikerin/des Historikers Aussagekraft für eine bestimmte Geschichte erhalten.

2. Historische Sozialwissenschaft

Im Unterschied zur historischen Hermeneutik mit ihrer starken Fokussierung auf die politische Geschichte, auf Ereignisse, Personen, Intentionen und Handlungen, steht in der historischen Sozialwissenschaft die Untersuchung von Strukturen und Prozessen im Vordergrund. Dies ist der Erkenntnis geschuldet, „daß die Umstände mindestens so sehr die Menschen wie die Menschen die Umstände machen und daß sich Geschichte nicht zureichend als Zusammenhang von Ereignissen, Entscheidungen, Erfahrungen und Handlungen begreifen lässt“ (Kocka 1985, 170). Beeinflusst durch die Sozialwissenschaften fanden dadurch verstärkt analytische und systematisierende Verfahren Eingang in die Geschichtswissenschaft.

2.1 Strukturgeschichte

So fokussiert die Strukturgeschichte auf kontinuierliche Phänomene des Sozialen, der Ökonomie und Politik, auf die Erfassung der Menschen in ihren sozialen Interaktionen, auch unter internationaler Perspektiven. An die Stelle der streng hermeneutischen Methode trat das Postulat des Methodenpluralismus, neben das „forschende Verstehen“ jene des „Erklärens“ und der Einsatz von qualitativen als auch statistisch-quantitativen Methoden.

Beispiele:

Conze, Werner: Polnische Nation und deutsche Politik im Ersten Weltkrieg. Köln 1958.

Geißler, Raine:, Die Sozialstruktur Deutschlands. Ein Studienbuch zur Entwicklung im geteilten und vereinten Deutschland. Opladen 1992.

Duby, George: Krieger und Bauern. Die Entwicklung der mittelalterlichen Wirtschaft und Gesellschaft bis um 1200. Frankfurt am Main 1984.

2.2 Gesellschaftsgeschichte

Die Gesellschaftsgeschichte untersucht die Wechselverhältnisse dreier „voneinander weitgehend unabhängige[r] Dimensionen von Gesellschaft als Gesamtsystem – Wirtschaft, (politische Herrschaft) und Kultur“, wodurch das „Bild einer Gesamtgesellschaft zu einer bestimmten historischen Zeit“ (Jordan 2013, 111) vermittelt werden soll. Untersuchungsgegenstand sind nicht die „großen“ historischen Persönlichkeiten, sondern die kollektiven Handlungsträger, vor allem die sozialen Klassen. Theoretisch angelehnt an die Theorien von Karl Marx und Max Weber entwickelte die Gesellschaftsgeschichte die Annahme, dass die sozialen (materiellen) und nicht die ideologischen Verhältnisse die Lebenswelt der Menschen bestimmen. Das Interesse der Vertreter/innen der Gesellschaftsgeschichte galt insbesondere der Untersuchung des Verhältnisses von „Mensch und Arbeit“, den klassenspezifischen Lebens-, Kultur- und Besitzverhältnissen sowie der diesbezüglichen regulatorischen Politik. Die starke Fokussierung der Gesellschaftsgeschichte auf Strukturen führte zu der Kritik, dass dadurch das Individuum aus der Geschichte verschwinde.

Beispiele:

Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. 5 Bände. München, 1987–2008,

Band 1: Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700–1815. München 1987,

Band 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen „Deutschen Doppelrevolution“ 1815–1845/49. München 1987,

Band 3: Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914. München 1995,

Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. München 2003,

Band 5: Bundesrepublik Deutschland und DDR 1949–1990. München 2008.

2.3 Frauen- und Geschlechtergeschichte

Aus der ab den 1960er-Jahren im Zuge der emanzipatorischen Frauenbewegung an Bedeutung gewinnenden Frauengeschichte entwickelten sich die anfänglichen „Women’s Studies“ zur „Geschlechtergeschichte“. Die Frauengeschichte wollte einerseits aufzeigen, dass Frauen, wenngleich lange Zeit als Entscheidungsträgerinnen aus dem politischen Leben ausgeschlossen, ebenfalls eine bedeutende Rolle in der Geschichte innehatten, andererseits sollten die Mechanismen ihrer Unterdrückung und ihres Ausschlusses aus der Geschichte dargestellt werden. Daraus ging die Geschlechtergeschichte hervor, der zufolge zwischen einem biologischen „Geschlecht“ („sex“) und einem sozialen („gender“), also den gesellschaftlich und kulturell erworbenen Rollenvorstellungen, zu unterscheiden ist.

Beispiele:

Hauch, Gabriella: Frau Biedermeier auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener Revolution 1848. Wien 1990.

Schmale, Wolfgang: Geschichte der Männlichkeit in Europa (1450–2000). Wien 2003.

Wunder, Heide: „Er ist die Sonn', sie ist der Mond“. Frauen in der Frühen Neuzeit. München 1992.

3. Geschichtswissenschaft in der „Postmoderne“

Ende der 1970er-Jahre begann sich die Geschichtswissenschaft wieder zunehmend dem Individuum zuzuwenden, woraus sich neue Forschungsansätze entwickelten.

Eng miteinander verbunden und nicht immer klar voneinander abgrenzbar sind dabei die historische Anthropologie, die Alltagsgeschichte und die Mikrohistorie. Gemein ist diesen methodischen Ansätzen, dass sie eine „Geschichte von unten“ postulieren.

3.1 Historische Anthropologie

So richtete die historische Anthropologie ihren Blick auf die historischen Akteurinnen und Akteure, auf den konkreten Menschen und seine Praktiken, also sein Handeln, Denken und Fühlen. Mittels dieses subjektivistischen und interdisziplinären Ansatzes sollen sowohl anthropologische Konstanten, wie Essen, Kleidung etc., als auch die Vorstellungen und Deutungen, die von diesen Konstanten entwickelt wurden, untersucht werden.

Beispiele:

Bruns, Claudia (Hrsg.): „Rasse“ und Raum. Topologien zwischen Kolonial-, Geo- und Biopolitik: Geschichte, Kunst, Erinnerung. Wiesbaden 2017.

Lüdtke, Alf (Hrsg.): Herrschaft als soziale Praxis: historische und sozial-anthropologische Studien (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, 91). Göttingen 1991.

3.2 Mikrogeschichte

Im Unterschied zur Makrogeschichte, der Untersuchung großer geschichtlicher Zusammenhänge, konzentriert sich die Mikrogeschichte auf einen eng begrenzten Forschungsgegenstand mit dem Ziel, Aufschlüsse über größere Zusammenhänge zu gewinnen, indem die Erkenntnisse in einen größeren Bedeutungszusammenhang gestellt werden. Darin unterscheidet sie sich von der Lokal- und Regionalgeschichte.

Beispiele:

Ginzburg, Carlo: Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600. Frankfurt am Main 1979.

Davis, Natalie Zemon: Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre. München et al. 1989.

3.3 Alltagsgeschichte

Die Alltagsgeschichte untersucht die konkreten Lebenssituationen der Menschen, indem sie die Erkenntnisse der Gesellschaftsgeschichte über soziale Kollektive aufgreift, die Untersuchung aber mit der konkreten Lebenssituation von Menschen, die als gesellschaftliche Randgruppen oft nicht wahrgenommen werden, verknüpft. Ihr Fokus richtet sich dabei nicht auf statistische Auswertungen, sondern auf die Darstellung der individuellen Wahrnehmung der Menschen.

Beispiele:

Bauer, Ingrid: „Tschikweiber haum’s uns g’nennt …“: Frauenleben und Frauenarbeit an der „Peripherie“. Die Halleiner Zigarrenfabriksarbeiterinnen 1869 bis 1940 (= Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung, Materialien, 50). Wien 1988.

Kaschuba, Wolfgang: Lebenswelt und Kultur der unterbürgerlichen Schichten im 19. und 20. Jahrhundert (=Enzyklopädie Deutscher Geschichte V). München 1990.

Wichtig für die Realisierung der zuvor beschriebenen Forschungsansätze wurde die Untersuchungspraxis der Oral History, wodurch die Möglichkeit geschaffen wurde, nicht-schriftliche Einblicke in individuelle Erfahrungen, Eindrücke, Deutungen und Handlungen zu erlangen sowie nicht festgehaltenes Wissen dokumentierbar zu machen.

3.4 Erinnerung und Gedächtnis

In Abkehr von der strukturalistisch geprägten Sozialwissenschaft trat ab Ende der 1980er-Jahre die Debatte um die individuelle Erinnerung und das kollektive Gedächtnis in den Blickpunkt. Untersucht wird dabei der Prozess des Erinnerns, aber auch des Vergessens. Der Begriff „kollektives Gedächtnis“ (Maurice Halbwachs) bezeichnet das gemeinsame Erinnern einer sozialen Gruppe, woraus die Theorien vom „kommunikativen“ und „kulturellen Gedächtnis“ (Jan Assmann/Aleida Assmann) entstanden. Während das kommunikative Gedächtnis zeitlich begrenzt ist, etwa durch das Aussterben einer Generation, kann das kulturelle Gedächtnis aufgrund des kollektiven Erinnerns weiterbestehen. Wichtig sind hierfür Erinnerungsorte, die jedoch nicht nur geographisch verstanden werden, sondern auch Traditionen, Mythen, Institutionen oder Personen, mittels derer eine Nation erinnert.

Beispiele:

Assmann, Aleid: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006.

Assmann, Jan / Mulsow, Martin (Hrsg.): Sintflut und Gedächtnis. Erinnern und Vergessen des Ursprungs. München 2006.

5. Neue Kulturgeschichte

Ab den 1980er-Jahren entwickelte sich dieser interdisziplinär, international bzw. global ausgerichtete Ansatz der Kulturwissenschaft, durch die Ansicht, dass sich Vergangenheit aus den traditionellen Themen der Sozialgeschichte allein nicht erklären lasse, sondern dass kulturelle Phänomene ebenso wie politische, soziale oder wirtschaftliche zu berücksichtigen seien. Dies führte innerhalb der Strukturgeschichte zum sogenannten cultural turn. Das Kennzeichen der „Neuen Kulturgeschichte“ ist nicht „die Eingrenzung auf einen bestimmten Themenbereich, sondern […] eine Perspektivierung […], die auf Sinngebungsformen und Bedeutungsnetze zielt, mit denen Gesellschaften der Vergangenheit ihre Wirklichkeiten ausgestattet haben“ (Landwehr 2013).

Mit dem „linguistic turn“ (sprachliche Wende) trat ein „erkenntnistheoretische[r] Perspektivenwechsel“ in den Wissenschaften ein, indem „Formen unserer Anschauungen und unseres Verstandes, mit denen wir die Welt wahrnehmend deuten und die wir in Sprache ausdrücken“ (Jordan 2016, 189), Gegenstand der Untersuchung wurden. Besonders die von Hayden White sowie von Michel Foucault entwickelten Ansätze waren für die Diskussion um die Darstellungsformen von Vergangenheit von Bedeutung. Während Whites Narrativitätstheorie darauf fokussiert, in historiographischen Texten mittels literaturwissenschaftlicher Techniken die Strategien und Erzählmuster zu analysieren, mit denen Wirklichkeit produziert wird, zielt die Diskursanalyse nach Michel Foucaults Ansatz auf die Untersuchung von Diskursen, die Machtverhältnisse konstituieren, ab. Damit soll analysiert werden, wie Kommunikation unter bestimmten zeitlichen und örtlichen Gegebenheiten sowie einem bestimmten System das Denken und Handeln von Individuen sowie Gruppen determiniert und dadurch Machtverhältnissen, Gesetzmäßigkeiten und Abhängigkeiten konstituiert. Foucault geht somit davon aus, dass Sprache nicht Realitäten abbildet, sondern diese schafft, indem etwa gesellschaftliche Diskurse festlegen, wer als „normal“ und wer als „deviant“ zu gelten habe.

Beispiele:

Foucault, Michel: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt am Main 1969.

Foucault, Michel: Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main 1971.

Meuter, Norbert: Geschichten erzählen, Geschichten analysieren. Das narrativistische Paradigma in den Kulturwissenschaften. In: Friedrich Jaeger / Jürgen Straub (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band 2: Paradigmen und Disziplinen. Stuttgart / Weimar 2004, 140–155.

Wodak, Ruth et al. (Hrsg.): Zur diskursiven Konstruktion nationaler Identität. Frankfurt am Main 1998.

6. Exkurs: Quellen und Literatur in der Geschichtswissenschaft

Historische Texte können bei entsprechender Fragestellung eine geeignete Quellengrundlage für das Verfassen einer VWA darstellen, da sie klar eingrenzbar sind und anhand ihrer Untersuchung substanzielles inhaltliches Wissen ebenso wie methodische Kompetenz gezeigt werden kann.

Ob ein historischer Text als Quelle behandelt oder als Fachliteratur herangezogen wird, hängt allerdings wesentlich von der Fragestellung ab, wie am Beispiel der Schriften Sigmund Freuds gezeigt werden soll:

Lautet die Themenstellung etwa „Symptome und Behandlung neurotischer Störungen“ fallen Freuds Schriften zur Neurosenlehre und -behandlung unter die Fachliteratur.

Lautet die Themenstellung hingegen „Sigmund Freuds therapeutisches Konzept der Behandlung von Neurosen“, so dienen seine diesbezüglichen Schriften als Quellengrundlage der Untersuchung.

Um Quellen und Literatur voneinander abgrenzen zu können, muss zunächst deren Begrifflichkeit geklärt werden:

Quellen sind Produkte jeglicher menschlichen Handlung, die über die Vergangenheit befragt werden können. Quellen können in textlicher (Schrifttum), bildlicher (Fotografien), dinglicher (Münzen, Kleidungsstücke, Bauwerke etc.) oder audiovisueller (Tonträger, Filme, Videos etc.) Form vorliegen.

Sie werden folgendermaßen kategorisiert und dementsprechend auch im Quellenverzeichnis angeführt:

6.1 Quellen

ungedruckte Quellen/Archivalien (z. B.: Schriftstücke, Dokumente, Urkunden, Akten in oder aus einem Archiv)

gedruckte Quellen (z. B. Gesetzestexte, Briefsammlungen, gedruckte Tagebücher, lateinische Textsammlungen)

Interviews

Filmografie (Verzeichnis von Filmen)

audiovisuelle Quellen (Ton- und Filmdokumente)

6.2 Literatur

6.2.1 Primärliteratur

Darunter fallen all jene Werke, die Gegenstand der wissenschaftlichen Analyse sind.

Beispiel 1: Lautet die Themenstellung also „Sigmund Freuds therapeutisches Konzept der Behandlung von Neurosen“, so sind Freuds diesbezüglich herangezogene Werke zur Primärliteratur zu zählen. Sie stellen für die Fragestellung methodisch zwar die Quellengrundlage dar, sind aus Freuds Forschungsprozess heraus entstanden und fallen daher nicht unter die Quellen.

Beispiel 2: Widmet sich das Thema der VWA etwa der Geschichte des Kochens, würden die dafür herangezogenen Kochbücher unter der Primärliteratur subsumiert werden.

Beispiel 3: Unter die Primärliteratur fallen u. a. auch alle fiktionalen Werke. Lautet die Fragestellung z. B. „Die Darstellung des Elisabethanischen Zeitalters im Werk William Shakespeares“´, würden dessen Werke unter der Primärliteratur angeführt werden.

6.2.2 Sekundärliteratur

Darunter versteht man die Forschungsliteratur, also Darstellungen, mittels derer historische Prozesse und/oder Ereignisse behandelt werden.

Beispiel 1: Lautet die Themenstellung „Symptome und Behandlung neurotischer Störungen“ fallen Freuds Schriften zur Neurosenlehre und -behandlung unter die Sekundärliteratur.

Beispiel 2: Widmet sich das Thema der Geschichte des Kochens, würden die wissenschaftlichen Arbeiten über Entwicklungen von Ernährungsgewohnheiten, Lebensmittelkunde, Veränderungen der landwirtschaftlichen Produktionsweise etc. zur Sekundärliteratur gezählt werden.

Beispiel 3: Bei der Themenstellung „Die Darstellung des Elisabethanischen Zeitalters im Werk William Shakespeares“ ist die Fachliteratur zum Elisabethanischen Zeitalter ebenso wie die Shakespeare-Biografik der Sekundärliteratur zuzuordnen.

6.2.3 Internetressourcen

Unter Internetressourcen fallen alle Veröffentlichungen auf Homepageseiten.

Davon sind jedoch Digitalisate (digitalisierte Versionen analoger Werke) ebenso wie Beiträge in wissenschaftlichen Online-Zeitschriften zu unterscheiden.

Digitalisierte Archivalien sind den ungedruckten Quellen zuzurechnen:

Beispiel: Telegramm von Kaiser Wilhelm II. an Kaiser Karl I., Österreichisches Staatsarchiv/Kriegsarchiv, Neue Feldakten, Armeeoberkommando Ktn. 476, Op. Geh. Nr. 2091 fol. 454, URL: https://www.oesta.gv.at/veroeffentlichungen/archivale-des-monats/spaetes-sympathietelegramm-kaiser-wilhelm-ii-an-kaiser-karl-i-.html/ (abgerufen am 12.04.2021).

Gesetzestexte sind den gedruckten Quellen zuzurechnen:

Beispiel: Bundesverfassungsgesetz vom 6. Februar 1947 über die Behandlung der Nationalsozialisten (Nationalsozialistengesetz), BGBl. Nr. 25/1947, URL: https://www.ris.bka.gv.at/eli/bgbl/1947/25/P0/NOR11000216/ (abgerufen am 12.04.2021).

Digitalisierte Fachliteratur ist der Sekundärliteratur zuzurechnen:

Bramann, Jorn B., Karl Wittgenstein – Ein Amerikaner in Wien. In: zeitgeschichte 45/1 (1974), S. 29–40, URL: https://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno-plus?apm=0&aid=ztg&datum=19740004&seite=00000029/ (abgerufen am: 22.02.2021).

Beiträge in wissenschaftlichen Internetzeitschriften sind der Sekundärliteratur zuzurechnen:

Kersting, Wolfgang (2001), Plädoyer für einen nüchternen Universalismus. In: Information Philosophie im Internet 1, URL: https://www.humanrights.ch/cms/upload/pdf/070108_kersting_universalitaet.pdf/ (abgerufen am: 10.01.2021).

 

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Literatur:

Baberowski, Jörg: Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault. München 2005.

Budde, Gunilla / Freist, Dagmar: Verfahren, Methoden, Praktiken. In: Gunilla Budde / Dagmar Freist / Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf. Berlin 2008, S. 158–177.

Freytag, Nils / Piereth, Wolfgang: Kursbuch Geschichte. Tipps und Regeln für wissenschaftliches Arbeiten, 5., aktual. Aufl., Paderborn 2011.

Jordan, Stefan: Vetorecht der Quellen. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, URL: https://docupedia.de/zg/Vetorecht_der_Quellen (abgerufen am: 18.04.2021).

Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, 3., aktual. Aufl., Paderborn 2016.

Kocka, Jürgen: Historische Sozialwissenschaft. In: Klaus Bergmann / Annette Kuhn / Jörn Rüsen / Gerhard Schneider (Hrsg.): Handbuch der Geschichtsdidaktik, 3., völlig überarb. u. bedeutend. erw. Aufl., Düsseldorf 1985, S. 170–172.

Landwehr, Achim, Kulturgeschichte. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 14.5.2013, URL: http://docupedia.de/zg/Kulturgeschichte/ (abgerufen am: 17.4.2021).

Nathaus, Klaus, Sozialgeschichte und Historische Sozialwissenschaft. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 24.09.2012, URL: docupedia.de/zg/Sozialgeschichte_und_Historische_Sozialwissenschaft (abgerufen am: 18.04.2021).

Neumann, Friederike, Schreiben im Geschichtsstudium. Wien u.a. 2018.

Steffens, Henry J. / Dickerson, Mary Jane / Schmale, Wolfgang, Schreiben, um Geschichte zu lernen: Überblick und Einführung. In: Wolfgang Schmale (Hrsg.), Schreib-Guide Geschichte. Schritt für Schritt wissenschaftliches Schreiben lernen, Wien/Köln/Weimar 2006, S. 17–36.

Welskopp, Thomas, Theorien in der Geschichtswissenschaft. In: Gunilla Budde / Dagmar Freist / Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichte. Studium – Wissenschaft – Beruf. Berlin 2008, S. 138–157.