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Methode: Interview

1 Definition

Ein Interview ist eine Methode (also ein geplantes Vorgehen) zur gezielten Informationssammlung. In Form eines mündlichen Gesprächs stellen Interviewer/innen Fragen zu Erfahrungen und persönlichen Sichtweisen des Gesprächspartners. Im Unterschied zu einem Fragebogen sind beim Interview keine Antworten vorgegeben.

Ein Interview ist nie nur eine angewandte wissenschaftliche Methode, sondern immer auch eine soziale Begegnung zwischen Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen.

 

2 Methodenwahl Interview

Interviews werden eingesetzt, um unter anderem herauszufinden,

  • was Menschen über ein bestimmtes Thema denken (welche Einstellungen oder Deutungsmuster sie in Bezug auf ein bestimmtes Thema haben)1
  • welche Erfahrungen Menschen in einem bestimmten Lebensbereich gemacht haben oder
  • welche Expertise sich bestimmte Personen in Bezug auf ein Themenfeld, ein Fachgebiet, ein Tätigkeitsfeld etc. angeeignet haben.

 

2.1 Wann ist es sinnvoll, ein Interview durchzuführen?

Jedes methodische Vorgehen im Rahmen der Erstellung der VWA dient dazu, die Fragestellung bzw. die Leitfragen zu beantworten. Ob ein Interview die „richtige“ oder adäquate Methode ist, hängt davon ab, ob es bei der Beantwortung der Fragestellung und der Leitfragen hilft2.

Ist die „Innenperspektive“ von Betroffenen oder die „Fachmeinung“ von Expertinnen und Experten von Interesse, so bietet sich das Interview an. So kann man mehr über individuelle Sichtweisen, persönliche Erfahrungen, Meinungen, Motive und Expertisen der Interviewpartner/innen erfahren.

Die Vorbereitung und Nachbereitung von Interviews ist mit großem Aufwand verbunden, deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld genau mit den dafür nötigen Arbeitsschritten zu befassen.

Relevante Fragen, vor der Methodenwahl Interview

  • Warum möchte ich für meine VWA ein Interview führen? Wie kann ich das erklären?
  • Welche Ziele verfolge ich mit dieser Methode? Was will ich damit erreichen?
  • In welcher Form soll das Interview in die Arbeit einfließen? Wie stelle ich mir das ausgehend von meinem derzeitigen Wissensstand vor?
  • Was kann ich durch das Interview erfahren, das ich durch andere Quellen nicht erfahre?

Das Interview ist als Methode sinnvoll, wenn die für die VWA notwendigen Informationen

  • für die Beantwortung der Frage in der Literatur lückenhaft oder unvollständig sind und man sie daher um eine neue Perspektive/einen neuen Aspekt ergänzen möchte,
  • in allgemein formulierter Form vorhanden sind und man diese um spezifischere und genauere Erklärungen ergänzen möchte,
  • auf theoretischer Ebene vorhanden sind und man zusätzlich an Handlungen, Umsetzungsstrategien, Einstellungen und Einschätzungen von Fachexpert/innen in der Praxis interessiert ist,
  • so komplex sind, dass man auf Erklärungen von Expertinnen und Experten zurückgreifen muss oder möchte,
  • mit einem interessanten Beispiel aus der Lebenspraxis eines Menschen illustriert werden sollen,
  • in anderen Quellen vorhanden sind, man diese jedoch hinterfragen möchte.

 

2.2 Wann ist es nicht sinnvoll, ein Interview durchzuführen?

Nicht bei jedem Thema ist es sinnvoll, ein Interview durchzuführen. Es gibt verschiedene Methoden, um Informationen und Wissen zu sammeln. Deshalb ist es wichtig, sich ausführlich darüber Gedanken zu machen, wie man vorgehen möchte und welche Methoden im Kontext des VWA-Themas zielführend eingesetzt werden können.

Das Interview als Methode zu wählen, ist im Kontext der VWA nicht sinnvoll, wenn

  • das Interview nicht der Beantwortung der Fragestellung dient (auch wenn es zum Thema passen sollte),
  • ausschließlich Dinge erfragt werden, die in der Literatur bereits gut abgebildet sind (z.B. ein Expert/innen-Interview mit einer Ärztin oder einem Arzt zu einem bestimmten Krankheitsbild, ohne dabei auf die Erfahrungen oder persönliche Expertise der interviewten Person einzugehen),
  • das Interview nicht in die entsprechenden Teilkapitel der Arbeit eingebaut wird,
  • das Interview nur dazu dienen soll, die VWA methodisch „aufzupeppen“ und „umfangreicher“ zu gestalten.

Keinesfalls werden Interviews durchgeführt, wenn dafür kein inhaltlicher Grund angeführt werden kann. Interviews werden nicht um ihrer selbst willen durchgeführt, sondern weil sie der Beantwortung der gewählten Leitfragen dienlich sind.

 

3 Arten von Interviews

In den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wurden Interviews zu sehr unterschiedlichen Zwecken und mit verschiedensten Zielen eingesetzt. Dadurch haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Interviewformen entwickelt, die besondere Spezifika aufweisen.3 Im Nachfolgenden werden vier für die VWA häufig verwendete Interviewformen angeführt und in gebotener Kürze erklärt:

  • das Leitfadeninterview,
  • das biographische Interview (z.B. Interviews mit Zeitzeug/innen),
  • das problemzentrierte Interview,
  • das Expert/innen-Interview.

 

3.1 Das Leitfadeninterview

Beim Leitfadeninterview wird – wie bei den meisten Interviews – ein Leitfaden vorbereitet, der der interviewenden Person hilft, durch das Gespräch zu „leiten“.
Ursprünglich war das Leitfadeninterview ein Sammelbegriff für halbstandardisierte (also zum Teil vereinheitlichte, genormte) Interviewarten, die eingesetzt werden, um die Sichtweisen von mehreren Personen zu einem Thema vergleichen zu können.4 Da für viele Interviewarten Leitfäden erstellt werden, können auch viele Interviewarten als Leitfadeninterviews bezeichnet werden. Um deutlich zu machen, welchen Stellenwert der Leitfaden selbst im Rahmen der Methode „Interview“ für die VWA einnimmt, muss daher in der VWA darauf hingewiesen werden, wie das Interview vorbereitet wurde und welche Ziele damit verfolgt wurden.

Bereits im Vorfeld des Interviews muss man sich über das jeweilige Thema informieren. Damit passende Fragen formuliert werden können, sind also meist schon für den Leitfaden Recherchen notwendig. Der fertige Leitfaden macht dann die für die interviewende Person relevanten Themenbereiche sichtbar.  Im Kapitel 4 „Interviews vorbereiten“ sind ausführliche Informationen zur Erstellung eines Leitfadens zu finden.

 

⭢ Mögliche Themenstellung: Die Entstehung des österreichischen Nationalparks Donau-Auen in den 1990er Jahren.

⭢ Geeignetes Leitfadeninterview: Interview mit einer Umwelt-Historikerin oder einem Umwelt-Historiker

 

3.2 Das biographische Interview5

Informationen und Wissen sind nicht nur in Büchern dargelegt. Menschen tragen ihre Erfahrungen und Erlebnisse als sogenanntes „Erfahrungswissen“ mit sich. Wenn wir die Stimmen und Erzählungen von Menschen hören, die über persönliche Erfahrungen berichten, wird Geschichte lebendig. Es ist also eine besondere Qualität von Interviews, dass sie dabei helfen, dieses Wissen hörbar und erfahrbar zu machen.

Wollen wir also besondere Erfahrungen aus dem im Leben, also aus der Biografie eines Menschen in eine VWA einarbeiten, so wählen wir das biographische Interview. Dieses wird ebenfalls mittels Recherchen und der Erstellung eines Leitfadens vorbereitet. Dennoch ist die interviewende Person bestrebt, mehr den Erzählungen des Gegenübers zu lauschen und zuzuhören als durch Fragen das Gespräch zu steuern. Ziel ist es, einen möglichst ungestörten Erzählfluss beim Gegenüber zu erwirken.

Eine Sonderform des biographischen Interviews ist das Zeitzeugeninterview6. Dieses kann sich auf einen bestimmten thematischen Ausschnitt im Leben eines Menschen beziehen oder auch auf die gesamte Biografie der interviewten Person. Im Mittelpunkt steht immer deren Sichtweise auf das eigene Erleben. Diese Interviews können zum einen historische Arbeiten bereichern und ergänzen, zum anderen können Zeitzeugeninterviews auch im Zentrum einer Arbeit stehen, wenn vorrangig die in den Interviews eingebrachten Perspektiven und Wahrnehmungen analysiert werden. Man spricht bei einer solchen Vorgehensweise auch von „Oral History“7. Zu beachten ist dabei, dass die Erzählungen und Erinnerungen der Interviewten persönlich gefärbt, manchmal „verfärbt“ sind. Sie erzählen nicht die (eine, wahre) Geschichte, sondern ihre Geschichte. Sie erzählen diese so, wie sie sich daran erinnern.

Wie jedes Interview sollte auch das Zeitzeugeninterview nicht dazu dienen, Dinge zu erfragen, die in der Literatur bereits gut abgebildet sind. Zur inhaltlichen Vorbereitung gehört also das Einlesen in den spezifischen Themenbereich. Darüber hinaus sollte geklärt werden, ob man in Archiven (Stadt-, Landes-, Gemeindearchiv, Pfarrarchiv, etc.) historische Dokumente oder Fotos zum Thema einsehen kann. Erst dann kann entschieden werden, ob ein Zeitzeugeninterview als Methode gewählt werden soll.

 

⭢ Mögliche Themenstellung: Aufwachsen in einem von der Scientology Organisation geprägten Familienumfeld in den 1980er und 1990er Jahren in Österreich

⭢ Geeignetes Interview: Biographisches Interview mit einer betroffenen Person

 

3.3. Das problem- bzw. themenzentrierte Interview8

Bei der Bearbeitung bestimmter Themen kann es sein, dass z.B. gesellschaftliche oder naturwissenschaftliche Probleme im Mittelpunkt der Arbeit stehen. Dafür ist es manchmal hilfreich, eine Person zu einem Gespräch einzuladen, die sich mit dem „Problem“ oder dem „Thema“ schon länger privat oder beruflich beschäftigt. Hier interessieren besonders die Wahrnehmungen, Erfahrungen und Reflexionen der ausgewählten Person zum untersuchten Problem. In diesem Fall wird von einem problem- oder themenzentrierten Interviewgesprochen. Auch hierbei wird ein Leitfaden erstellt und die vorbereitenden Recherchen konzentrieren sich auf das ausgewählte „Problem“, um ein kompetentes Gespräch mit der interviewten Person führen zu können.

 

⭢ Mögliche Themenstellung: Wien und seine Abfallwirtschaft – Probleme und Herausforderungen

Geeignetes Interview: Problemzentriertes Interview mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter der MA 48

 

3.4. Das Expert/innen-Interview9

Das Expert/innen-Interview ist dem problemzentrierten Interview ähnlich. Es ist aber noch stärker auf die besondere Expertise der zu interviewenden Person ausgerichtet. Bei dieser Interviewform geht es um das Fachwissen und meist auch um das institutionelle Wissen einer bestimmten Person. Das bedeutet, dass ein Mensch befragt wird, dessen hohe Expertise und dessen Wirkungsfeld uns besonders interessiert. Sehr oft sind das Wissenschaftler/innen oder andere Personen, die – aufgrund ihrer Arbeitsbereiche oder aufgrund spezieller Erfahrungen – über ein ganz spezielles Wissen verfügen.

 

⭢ Mögliche Themenstellung: Aktuelle Forschungsfelder im Bereich Quantenphysik in Österreich

⭢ Geeignetes Interview: Expertinnen-Interview mit einer Physikerin oder einem Physiker der Universität Graz

 

3.5. Anmerkung zur Interviewpraxis

Ein Interview ist immer sehr gut und genau vorzubereiten. Niemals wird es bei der Durchführung möglich sein, alle Sequenzen eines Interviews zu steuern und zu lenken. Selbst wenn ein Interview z.B. problemzentriert angelegt ist, kann es sein, dass eine interviewte Person biographische Details in das Interview einbaut. Ebenso kann es geschehen, dass Menschen in Zeitzeugeninterviews auf ihre fachlichen Expertisen in Bezug auf ihre Arbeitserfahrungen eingehen. Es kann also durchaus vorkommen, dass man ein „themenzentriertes Leitfadeninterview mit biographischen Elementen“ durchführt. Das sind Phänomene, die sehr häufig auftreten.

Gute Interviews sind Gespräche, die inhaltlich und atmosphärisch gelungen sind. Das sollte bei der Interviewführung im Zentrum des Interesses stehen.

 

4 Interviewvorbereitung

4.1 Die Wahl des Gesprächspartners/ der Gesprächspartnerin

Je nach Themenwahl und Anliegen werden die Gesprächspartner/innen für die zu führenden Interviews ausgewählt. Dabei stellen sich folgende Fragen:

  • Wer soll für die Beantwortung meiner Leitfragen interviewt werden?
  • Welche Person(en) helfen mir bei der Beantwortung meiner Fragestellung?
  • Gibt es verschiedene Personen, die ich befragen kann? Sind das Expert/innen?
  • Wie viele Personen möchte ich befragen?
  • Warum möchte ich das auf diese Weise machen?
  • Soll es vor allem um die Lebensgeschichte eines Menschen gehen, die in der Arbeit dargestellt wird? Oder möchte ich mehrere Menschen zu einem Thema befragen, um zu aussagekräftigen Schlüssen zu gelangen?

Zu berücksichtigen ist, dass nicht die Anzahl der Interviews die Qualität einer VWA ausmacht, sondern die gute Wahl der Person, die interviewt wird. Es ist manchmal zielführender, ein Interview gut und genau vorzubereiten, die zu interviewenden Personen überlegt auszuwählen und sich Zeit für eine genaue Auswertung der Inhalte zu nehmen als sich vorzunehmen, viele Interviews zu führen. Weniger ist manchmal mehr.

Wenn sich Schülerinnen und Schüler für ein Interview entscheiden und auch schon wissen, welche Personen bzw. konkrete Gesprächspartner/innen sie suchen, stellt sich die Frage, wie diese Menschen kontaktiert werden können, die zu einem bestimmten Thema über persönliche Erfahrungen, ihre Expertise und ihre Einschätzungen berichten können.

Es kann u. a. sinnvoll sein, in der Bekanntschaft nachzufragen, ob Kontakte zu gesuchten Personen mit bestimmten Kenntnissen oder Qualifikationen bestehen. Manchmal hilft ein Anruf bei einer Zeitung oder eine Recherche auf den Internetseiten von Institutionen (z.B. Universitäten, staatliche Institutionen und Einrichtungen, NGOs, etc.), um mit passenden Personen per E-Mail oder telefonisch in Kontakt treten zu können.

 

4.2 Die Gesprächsanbahnung (Wahl des Ortes und des Zeitraums)

Um ein Interview anzubahnen, ist es notwendig, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, wie dies am besten und angepasst an die ausgewählten Personen und ihren gesellschaftlichen Status passieren kann. Interviews sind nicht nur Werkzeuge, um Wissen zu generieren, sondern auch soziale Situationen, bei denen Formen des Anstandes und des respektvollen Benehmens selbstverständlich sind.

Bei der notwendigen Kontaktaufnahme, die persönlich (z.B. im Rahmen einer Veranstaltung), per E-Mail oder auch telefonisch erfolgen kann, sollten den potenziellen Interviewpartner/innen neben dem inhaltlichen Anliegen (Worum geht es eigentlich?) auch Informationen über die interviewende Person und den Kontext der VWA kommuniziert werden. Es sollte deshalb zu diesem Zeitpunkt bereits klar sein, welches Ziel mit dem Interview verfolgt wird. Bei dieser Gelegenheit wird auch immer auf die geplante Dauer des Interviews hingewiesen.

In Rücksprache mit der zu befragenden Person werden – so sie für ein Interview bereit sein sollte –Überlegungen hinsichtlich des Interview-Ortes bzw. der Räumlichkeiten, der Aufnahme des Interviews und der inhaltlichen Vorbereitungen angestellt. Der Ort ist mit Bedacht zu wählen. Der oder die Befragte sollte sich wohlfühlen können. Bei der Ortswahl ist darauf zu achten, dass dort über einen längeren Zeitraum ungestört und in Ruhe gesprochen werden kann. Nur dann kann sich die Person offen äußern und ein gutes Gespräch zustande kommen. Auf Wunsch können die Leitfragen auch vorab zur Verfügung gestellt werden, da dies manchen Gesprächspartner/innen im Vorfeld mehr Sicherheit gibt.

Darüber hinaus sollte geklärt werden, ob noch jemand beim Interview dabei sein wird (z.B. Ehepartner/in, Kind, etc.). Ein Vorteil einer solchen Konstellation könnte sein, dass die Anwesenheit einer vertrauten Person Sicherheit gibt und so die Gesprächsatmosphäre gefördert werden kann. Nachteilig könnte sich auswirken, dass eventuell nicht alles erzählt wird, um z.B. die Anwesenden zu schützen. Außerdem könnten sich diese Personen ins Gespräch einmischen und somit den Erzählfluss stören.

Dieses Vorgespräch ist aus zwei Gründen von großer Bedeutung: Einerseits erfährt die interviewte Person mehr über das genaue Thema der Arbeit und welches Ziel mit dem Interview verfolgt wird, andererseits wird sie darüber informiert, was von ihr erwartet wird und in welchem Rahmen das Gespräch stattfinden wird.

 

Weitere Inhalte des Vorgesprächs sind daher:

  • Die interviewten Personen werden gebeten, dass sie sich ausreichend Zeit für das Gespräch nehmen.
  • Sie werden gefragt, welche Fragen sie zum Interview haben bzw. was sie gerne im Vorfeld wissen möchten.
  • Sie werden darüber informiert, dass das Gespräch aufgezeichnet wird.
  • Sie werden darüber informiert, dass eine datenschutzrechtliche Vereinbarung von beiden Seiten unterschrieben werden wird, die die Verwendung des Interviews regelt. Interviewpartner/innen haben in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit, Passagen des Gesprächs, die nicht veröffentlicht werden sollen, gezielt auszunehmen (siehe dazu das entsprechende Kapitel zum Datenschutz).

 

4.3 Die Zusammenstellung des Gesprächs-/Interviewleitfadens

Ein Interview-Leitfaden dient – unabhängig von der gewählten Interviewform – als Orientierung und Strukturierung des geplanten Gesprächs. Ein ausgewogener Leitfaden umfasst etwa fünf bis sieben Aspekte des gewählten Themas, die jeweils mit einigen, meist offenen Fragen abgedeckt werden. Diese Themenfelder sollen und können inhaltlich sehr unterschiedliche Fragen zu sehr verschiedenen Bereichen des Themas umfassen. Je nach Themenfeld und Kontext sollten im Rahmen der VWA zu jedem Themenaspekt 2 bis 6 Fragen vorbereitet werden. Diese Anzahl hängt davon ab, welche Art von Fragen gestellt werden. Wenn die Anzahl der Fragen aus inhaltlichen Gründen höher sein sollte, so ist das natürlich möglich.

Die Fragen werden schriftlich vorbereitet und zum Interview mitgenommen. Interviewer/innen sollten die Fragen allerdings im Kopf haben, um im Interview freier sprechen und konzentriert zuhören zu können. Wichtig: Ein Leitfaden besteht nicht aus Stichwörtern, sondern aus ausformulierten Fragen.

 

Abstimmen der Fragen auf die Gesprächstpartner/innen

Die Fragen, die gestellt werden, sollten unbedingt auf die Gesprächspartner/innen abgestimmt werden, d.h. Interviewer/innen sollten sich die Frage stellen:

  • Welche Fragen kann mein Gegenüber kompetent beantworten?
  • Wie muss ich die Fragen stellen, damit ich mit meinem Anliegen verstanden werde?

Dafür ist es notwendig, über die Personen zu recherchieren oder in einem Vorgespräch zu klären, ob die gewählte Person auch die richtige für das Anliegen ist.

Mit dem Leitfaden ist flexibel umzugehen. Während des Interviews können Fragen gegebenenfalls umformuliert, ergänzt oder umgestellt werden. Allerdings sollen in allen Interviews auch möglichst alle Fragen gestellt werden, die vorbereitet wurden. Dadurch werden – im Falle mehrerer Interviews – bei allen dieselben Themenaspekte behandelt und die Interviews dadurch leichter vergleichbar, wenn das erwünscht ist.

Es gibt auch die Möglichkeit Ad-hoc-Fragen zu stellen, d.h. spontan nachzufragen, wenn spezifische Inhalte angesprochen werden, die nicht Teil des Leitfadens, aber für das Thema relevant sind. Die Führung von Leitfadeninterviews erfordert daher hohe Konzentration seitens der Interviewer/innen.

 

Fragearten

Die Fragen für Interviews werden grundsätzlich offen formuliert. Sie enthalten keine suggestiven Hinweise auf die Art der Beantwortung oder gar Antwortvorgaben. Sie werden in einer einfachen, klaren Sprache formuliert, die gut verständlich ist. Geschlossene bzw. Aufzählungsfragen, Suggestivfragen, Formulierungen, die zu starke Wertungen enthalten, ritualisierte, umgangssprachliche Alltagsfragen („Wie zufrieden bist du mit ...?“) und zu intime Fragen sind zu vermeiden. Ein hilfreiches, gut verständliches Dokument zu fünf Ebenen der Gesprächsführung mit offenen Fragen findet sich in einer Online-Zusammenstellung von Brigitte Miller10.

 

Aufbau des Leitfadens

Einleitende Frage(n): Der Leitfaden beginnt mit einer erzählgenerierenden Frage (einfache, zum Beschreiben und Erzählen einladende Frage): Diese führt die interviewte Person zum Thema hin und dient zum „Aufwärmen“. Erzählgenerative Fragen können die Qualität der entstehenden Daten sehr positiv und, wenn sie misslungen sind, sehr negativ beeinflussen und sollten daher sorgfältig ausgewählt werden. Eine Eröffnungsfrage oder ein Gesprächsbeginn ist gut gewählt, wenn diese/r ein Thema aufgreift, zu dem die interviewte Person jedenfalls etwas sagen kann. Dadurch entsteht eine entspannte Situation. Eine solche Frage ist themenabhängig zu wählen, d.h. diese soll mit dem Interviewthema etwas zu tun haben.

⭢ Beispiel: Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit der Thematik XY zu beschäftigen?
⭢ Beispiel: Warum haben Sie sich dazu entschlossen, bei diesem Projekt mitzumachen? Was hat Sie daran interessiert?

 

Auch bei biographischen Interviews ist eine erzählgenerierende Frage von Bedeutung. Wird eine Person zu einem bestimmten Abschnitt in ihrer Biographie befragt, so kann zuerst einmal auf den familiären Hintergrund geblickt werden bzw. auf die Rahmenbedingungen, unter denen die Person aufgewachsen ist, auch wenn das vielleicht nicht direkt etwas mit dem zentralen Themenbereich des Interviews zu tun hat.

⭢ Beispiel: Wenn Sie an Ihre Kindergarten- und Volksschulzeit denken: Wie hat Ihr familiäres Leben damals ausgesehen?

 

Soll die zu interviewende Person zu Beginn noch nicht gleich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden, weil mit all den vergangenen Erfahrungen sehr sensibel umgegangen werden muss, kann sich eine Einstiegsfrage mit der derzeitigen Lebenssituation beschäftigen.

⭢ Beispiel: Ich möchte mit einer Frage zu Ihrer derzeitigen Lebenssituation beginnen: Seit wann wohnen Sie in Wien und wie ist es gekommen, dass Sie nun Ihren Lebensmittelpunkt in Wien-Währing haben?

 

Weitere Arten von Fragen sind:

  • Hauptfragen: Von einfachen bzw. leichten zu komplexen Fragen: Zu Beginn werden einfachere Fragen wie Beschreibungen und Bewertungen unproblematischer Sachverhalte gestellt, welche die Befragten kennen. Komplexere Fragen (beispielsweise Fragen nach moralischen Bewertungen und Einschätzungen, Fragen nach Möglichkeiten und Alternativen) werden erst später im Gesprächsverlauf oder gegen Ende des Interviews eingebracht.
  • Ad-hoc-Fragen: Diese können nicht geplant werden und werden spontan im Laufe des Interviews gestellt (z.B. „Das ist sehr interessant. Kannst du mir das näher erklären?“), wenn neue Aspekte eines Themas auftauchen oder um bei Unklarheiten nachzufragen.
  • Abschlussfrage: Jedes Interview kann mit einer Abschlussfrage beendet werden, um das Gespräch abzurunden. Dadurch spüren Interviewpartner/innen, dass das Interview damit zu Ende geht („Meine letzte Frage lautet: Was möchtest du noch zum Thema xy sagen, was wir bisher noch nicht angesprochen haben?“). Alternativ dazu kann auch nach einem Ausblick in die Zukunft oder eine Einschätzung zum Thema gefragt werden.
  • Demographische Daten: Wenn diese nötig sind, werden sie am Schluss der Befragung thematisiert („Nun habe ich nur noch ein paar Fragen zur Statistik.“). Es werden immer nur jene Daten erhoben, die der Beantwortung der Leitfragen dienlich sind. Andernfalls ist eine Erhebung nicht zielführend.

 

Besonderheiten des Leitfadens für „Zeitzeugen-Interviews“

  • Wie bei allen Interviewleitfäden ist es vor allem beim Zeitzeugeninterview wichtig, auf offene Fragen zu achten, die das Erzählen fördern, also z.B. „Welche Erinnerungen haben Sie an das Ereignis xx“ statt „Erinnern Sie sich noch an das Ereignis xx“, wo nur mit „Ja“ oder „Nein“ geantwortet wird.
  • Als Einstieg sollten Fragen gestellt werden, die eher positive Erinnerungen hervorrufen (z.B. nach schönen Kindheitserinnerungen, oder nach dem beruflichen Lebensweg, etc.) erst später solche, die auf das Erzählen von schwierigen Erfahrungen abzielen.
  • Biographische Zeitzeugeninterviews bieten sich dafür an, bei der Vorbereitung Themenfelder zu benennen, die im Interview thematisiert werden sollen und die sich auf die Aspekte der Lebensgeschichte des Menschen beziehen: z.B. Kindheit, Berufsausbildung, familiäre Zusammenhänge und Entwicklungen, Hobbies, historisch interessante Phasen der Biografie, etc. Dazu können Fragen inhaltlich gruppiert werden.
  • Je konkreter die Frage, desto kürzer und prägnanter die Antwort. Je offener die Frage, desto mehr lädt sie zum Erzählen ein. Welche Frageform gewählt wird, hängt vom Ziel des Interviews ab. Da das Zeitzeugeninterview der interviewten Person besonders viel Raum geben soll, sind die offen gestalteten Fragestellungen mit besonderem Bedacht zu wählen.

 

4.4 Das Probeinterview

Der Interviewleitfaden sollte in einem sogenannten Probeinterview ausprobiert werden. Dafür wird eine vertraute Person gewählt, die sich in die Interviewsituation einfühlen kann und die auch bereit ist, Feedback z.B. hinsichtlich der Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit der zusammengestellten Fragen zu geben. Entsprechend der Erfahrungen und Rückmeldungen durch die „Probe-Person“ kann der Leitfaden in Bezug auf die Reihenfolge der Fragen oder deren Formulierungen verändert und angepasst werden.

 

4.5 Die technische Vorbereitung

Interviews werden fast immer elektronisch festgehalten und aufgezeichnet. Dabei entsteht ein Audiofile. Damit in Zusammenhang muss entschieden werden, welche technischen Hilfsmittel für die Aufzeichnung verwendet werden sollen und was dafür benötigt wird.

Manchmal können Interviews nicht aufgezeichnet werden, wenn Gesprächspartner/innen eine Aufnahme ablehnen. In diesem Fall müssen Notizen gemacht werden und im Anschluss ein Gedächtnisprotokoll angefertigt werden.

 

Im Zuge dieser technischen Überlegungen sind mehrere Fragen zu klären:

  • In welcher Tonqualität soll das Interview aufgezeichnet werden?
  • Mit welchem Gerät (Mobiltelefon? Aufnahmegerät? PC? Video?) wird das Interview aufgezeichnet? Bin ich mit dem Gerät ausreichend vertraut? Habe ich das Aufnehmen als Funktion ausprobiert?
  • Welches technische Know How im Umgang mit den technischen Geräten wird benötigt?
    (Sind die Akkus funktionstüchtig und aufgeladen? Habe ich den Flugmodus meines Mobiltelefons aktiviert, damit ich während des Interviews nicht angerufen werden kann? Ist das gewählte Gerät funktionstüchtig und hat es ausreichende Speicherkapazitäten für die geplante Aufnahme?).
  • Gibt es am Interviewort Möglichkeiten zum Aufladen des Aufnahmegerätes, falls Bedarf besteht?
  • Ist das Interview nur für mich und meine Arbeit wichtig? Oder könnte es später an ein Archiv übergeben werden? Soll es auch über die Arbeit hinausgehend Verwendung finden (z. B.: soll eine kurze zentrale Passage z.B. bei der Präsentation vorgespielt werden?)

 

5 Interviews führen11

5.1 Die Haltung des Interviewers/ der Interviewerin

Interviews sind Begegnungen zwischen Menschen, die miteinander ins Gespräch kommen möchten. Dabei wird kommuniziert. Eine Person hat bestimmte Interessen und Fragen, die andere kann dabei helfen, diese zu beantworten. Das Ziel ist es, in diesem Gespräch Wissen, Erfahrungen, Meinungen, Einschätzungen zu erfragen bzw. zu teilen.

Gutes, höfliches Benehmen in gegenseitiger Anerkennung sind Grundvoraussetzung für ein gutes Gespräch.

Personen, die sich Zeit nehmen, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Einschätzungen zu teilen, ist mit respektvoller Dankbarkeit zu begegnen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen sich dazu bereit erklären.

Menschen, die selten Interviews geführt haben, und auch jene, die selten Interviews geben, sind manchmal aufgeregt ob der „neuen“ Aufgabe. Alle wollen „ihre Sache“ gut machen und sich einbringen. Das kann auf beiden Seiten auch Nervosität verursachen. Diese emotionale Regung ist etwas Menschliches, das als gegeben und „normal“ angenommen werden sollte. Dann wird es leichter, damit umzugehen. Auch deshalb ist es für die Gesprächspartner/innen bedeutsam, im Gespräch anzukommen und sich einzustimmen.

 

5.2 Ankommen und Einstimmen – Der Einstieg in das Gespräch

Wenn sich zwei (oder mehrere) Menschen zu einem Interview verabreden, so „stürzen“ sich die Gesprächspartner/innen nicht sofort in das Interview. Vielmehr kommt zu einer sogenannten Erwärmungsphase, die dazu genutzt wird, sich ein wenig kennenzulernen, Smalltalk zu betreiben und sich auf die gemeinsame Aufgabe einzustimmen.

 

Dauer des Gesprächs und Pausen

Wenn sich die Gesprächspartner/innen entschließen, mit dem Interview zu starten, so werden vor Beginn noch einmal die Rahmenbedingungen er- bzw. geklärt, die geschätzte Dauer des Gesprächs wird nochmals angesprochen. Die Dauer von Interviews variiert stark und hängt u. a. sehr vom Erzählstil der Interviewperson ab. Lebensgeschichtliche Interviews dauern erfahrungsgemäß wesentlich länger (mind. 1,5 Stunden, nach oben offen) als thematische Interviews, bei denen es um ein bestimmtes historisches Ereignis oder Thema geht.

Es wird darauf verwiesen, dass Unterbrechungen oder erwünschte Pausen (z.B. Telefon läutet) kein Problem darstellen. Interviewpartner/innen werden explizit darauf hingewiesen, dass sie das Gespräch jederzeit pausieren und auch abbrechen können (wenn es z.B. um ein sehr emotionales Thema geht, wenn sie müde sind, etc.). Denn: Falls es zu ungeplanten Unterbrechungen kommen sollte, so kann auch die Interviewaufnahme jederzeit unterbrochen werden. Wichtig ist in so einem Fall, dass dies im Gesprächsprotokoll, das im Anschluss an das Gespräch erstellt wird, vermerkt wird.

 

Das Aufnahmegerät als integrierender Teil des Interviews

In dieser ersten Sequenz des Gesprächs kann auch das Aufnahmegerät nochmals mit einer kleinen Testaufnahme ausprobiert werden und ggfs. die Funktionen erklärt werden. Dies lockert auf und macht das Aufnahmegerät zu einem integralen, natürlichen Bestandteil der Situation. Denn technische Hilfsmittel werden manchmal als störend und als Gesprächshindernis wahrgenommen. Das kann durch ein aktives Integrieren (anstelle des Ignorierens) des Geräts verhindert werden.

 

„Warmplaudern“

Manchmal beginnen die Interviewpersonen schon beim „Warmplaudern“ damit, über ihre Erfahrungen zu berichten, weil sie sich bereits im Vorfeld des Gesprächs mit dem Thema befasst haben. Den Erzählenden hier zu stoppen und zu bitten, auf die Aufnahme zu warten, erzeugt eine künstliche Gesprächssituation und bremst den Erzählfluss. Deshalb ist es besser, das in dieser Phase Erzählte anschließend in einem Gedächtnisprotokoll zu erfassen.

 

Datenschutz & Rechtliche Aspekte

In dieser ersten Phase des Treffens mit Interviewpartner/innen in wird auch über den Schutz der personenbezogenen Daten gesprochen. Dafür sind die vorbereiteten Einwilligungs- und Datenschutzerklärungen mitzubringen und von den Gesprächspartner/innen vor Ort zu unterschreiben.

Seit der Einführung der DSGVO (Datenschutzgrundverordnung12) auf europäischer Ebene, müssen personenbezogene Daten aktiv von jenen geschützt werden, die diese sammeln. Wenn Interviews personenbezogene Daten beinhalten, muss für eine gut geschützte Datensicherung gesorgt werden. Es muss zwischen beiden Gesprächspartner/innen eine Vereinbarung eingegangen werden, die besagt, wie mit den Informationen nach dem Gespräch umgegangen wird bzw. was mit den Informationen geschehen darf. Die Vereinbarung wird von beiden Seiten unterschrieben und beinhaltet zumindest die folgenden Punkte:

Ich bin damit einverstanden,

  • dass das Interview von Herrn/Frau …………………………. digital aufgezeichnet wird.

O ja  O nein

  • dass das Interview von Herrn/Frau …………………………. transkribiert wird.

O ja  O nein

  • dass ausgewählte Passagen des transkribierten Interviews in der VWA von Herrn/Frau …………………………. zitiert werden.

O ja  O nein

  • dass das transkribierte Interview der VWA von Herrn/Frau …………………………. beigelegt wird.

O ja  O nein

  • Ich möchte die ausgewählten Interviewpassagen, die verwendet werden, vorab nochmals sehen.

O ja  O nein

  • Mein Name darf in der VWA genannt werden

O ja  O nein

 

Unter den oben angeführten Bedingungen erkläre ich mich bereit, das Interview zu geben.

Vor- und Nachname (Druckschrift): ……………………………………………………………………..

Ort und Datum: …………………………………………………………………………………………………….

Unterschrift: …………………………………………………………………………………………………………

 

Als interviewende Person verpflichte ich mich zu einem ordnungsgemäßen Umgang mit den im Interview vorkommenden personenbezogenen Daten und dazu, die oben vereinbarten Rahmenbedingungen zu wahren.

Vor- und Nachname (Druckschrift): ……………………………………………………………………..

Ort und Datum: …………………………………………………………………………………………………….

Unterschrift: …………………………………………………………………………………………………………

 

5.3 Das Interview – Die Gesprächssituation

Zu Beginn des Gesprächs wird das Aufnahmegerät aktiviert und der/die Interviewer/in nennt das Datum und den Ort des Interviews, den Namen der Interviewperson (wenn erlaubt) und den eigenen Namen. Erst danach wird die erste Frage, eine Eröffnungsfrage, gestellt.

Je wohler sich Gesprächspartner/innen fühlen, desto mehr werden sie bereit sein, sich auf das Interview einzulassen.

Interviewer/innen sollten …

  • der erzählenden Person körpersprachlich Aufmerksamkeit und Interesse signalisieren (Zuwenden, Augenkontakt, Mimik,).
  • aktiv zuhören und sich vollständig auf das Gespräch einlassen. Zu vermeiden ist – wie es manchmal passiert – aus Nervosität auf den Leitfaden und die nächste Frage fixiert zu sein.
    Aktives Zuhören bedeutet auch, wirklich verstehen zu wollen, was das Gegenüber aussagen möchte und nachzufragen, wenn etwas nicht verstanden wurde.
  • der Gesprächsqualität mehr Raum geben als der Struktur des vorbereiteten Leitfadens, d.h., dass dem Leitfaden nicht unbedingt strikt gefolgt werden muss, sondern dass ein flexibler Umgang damit gepflegt wird, wenn sich das Gespräch anders entwickelt als erwartet.
  • den Erzählfluss unterstützen, indem Gesprächspausen beim Gegenüber ausgehalten werden, denn Menschen brauchen oftmals Zeit, Formulierungen für das zu finden, was sie ausdrücken möchten. Je mehr Zeit gegeben wird, desto mehr Ruhe und Vertrauen kommt ins Gespräch. Dazu gehört auch, Interviewpartner/innen ausreden zu lassen, auch wenn in einem guten, interessanten Gespräch die Versuchung manchmal groß ist, zu unterbrechen, zuzustimmen oder seine eigene Position kundzutun.
  • offene Fragestellungen vorbereiten, die dabei helfen, den Erzählfluss zu unterstützen (siehe oben).
  • auf Ermüdungserscheinungen beim Gegenüber und bei sich selbst achten und Pausen vorschlagen (vor allem bei Zeitzeugen, die manchmal schon ein höheres Alter erreicht haben, kann dies von essenzieller Bedeutung sein).

 

5.4 Der Abschied / Das Interview ausklingen lassen

Ein gutes Gespräch zufriedenstellend zu beenden kann in manchen Fällen eine Herausforderung darstellen. Die Gesprächspartner/innen sollen nach dem Gespräch in den Alltag zurückfinden können. Bei sehr emotionalen Themen kann es hilfreich sein, die interviewte Person (und auch sich selbst) in die Gegenwart „zurückzuholen“, und z.B. über Pläne für die kommenden Tage zu sprechen, etc.

Oft reden die Interviewpersonen nach dem offiziellen Ende des Interviews noch weiter, weil ihnen noch weitere Episoden einfallen, etc. Hier gilt es wiederum, diese Informationen im Gesprächsprotokoll, nach dem Interview, festzuhalten. (siehe auch Hinweis in Kapitel „Einstimmen“ und „Interview nachbereiten“).

Abschließend ist es von Bedeutung, die Interviewpartner/innen darüber zu informieren, wie mit dem Datenmaterial weiter verfahren wird und welche Arbeitsschritte seitens der Interviewerin oder des Interviewers nun folgen werden. Dazu gehört auch die Klärung der Frage, ob eine Kopie der Gesprächsaufnahme zur Verfügung gestellt werden soll.

Eine adäquate Verabschiedung und ein Dank für das Gespräch schließen diesen Prozess ab.

 

6 Protokoll & Reflexion

Nach Beendigung des Interviews sollte in jedem Fall ein Gesprächsprotokoll bzw. sollten Notizen verfasst werden, um Erzähltes, das vielleicht nicht aufgezeichnet wurde, zu sichern. Wie oben bereits erwähnt, passiert es nämlich manchmal, dass nach Abschalten des Aufnahmegeräts noch die eine oder andere relevante Information zwischen den Gesprächspartner/innen ausgetauscht wird.

Außerdem sollen auch die persönlichen Eindrücke seitens der interviewenden Person in Bezug auf das Gespräch festgehalten werden. Fragen, die hierbei beantwortet werden können, sind etwa:

  • Wie ging es mir selbst beim Gespräch?
  • Was hat mich überrascht?
  • Was war neu oder bemerkenswert?

Dies stellt im Kontext der VWA eine gute Grundlage dar, um in der VWA als auch bei der Diskussion der VWA über die eigenen Erfahrungen bei der Methodenanwendung reflektieren zu können.

 

7 Audiodatei bearbeiten und aufbereiten

7.1 Aktives Anhören der Audiodatei und Dokumentation der ersten Eindrücke

Nach einem erfolgreich durchgeführten Interview wird die erzeugte Audiodatei „aktiv“ angehört, d.h. dass die Schülerin oder der Schüler während dieses Anhörens Notizen über ihre Eindrücke anfertigt. Dabei werden Themen und Sachverhalte notiert, die als wichtig für die VWA erscheinen. Im Rahmen eines Betreuungsgesprächs können die jeweiligen Eindrücke besprochen werden und es kann Feedback dazu eingeholt werden, ob die eigenen Überlegungen zu den Textstellen nachvollziehbar sind. Es können dabei bereits erste Ideen entstehen, welche im Interview angesprochenen Themenfelder für die VWA besonders interessant und wertvoll erscheinen. In diesem Schritt geht es noch nicht um das Aussuchen der exakten Textstellen, sondern um das grobe thematische Erfassen der Inhalte.

 

7.2 Transkribieren eines Interviews13

Das Transkribieren ist ein Arbeitsschritt, der dazu dient, eine Audioaufnahme in einen Text zu verwandeln. Dieser Text kann dann inhaltlich leichter bearbeitet werden. Denn: Interviewpassagen können in eine schriftliche Arbeit letztlich auch nur in textlicher Form integriert werden.

 

Transkriptionskopf

Bevor Interviews oder Interviewpassagen transkribiert werden, sollte ein Transkriptionskopf angefertigt werden. Darunter versteht man kurze Notizen über die Umstände des Interviews, die zu einem späteren Zeitpunkt wichtig werden können. Diese Notizen beinhalten verschiedene Aspekte, beispielsweise die folgenden:

Beispiel Transkriptionskopf14
 

  • Interviewkontext: Interview für die Erstellung einer VWA, Themenfeld „Auslandsschuljahre in Italien“
  • Name der interviewten Person und evtl. Kontextinformationen zur Person: Marianne Musterfrau, 17 Jahre, Salzburg
  • Tag & Ort des Interviews: z.B. 04.01.2019, Salzburg, in privater Wohnung der Interviewpartnerin
  • Dauer des Interviews: 01:53:05
  • Name der interviewenden Person: Miriam Gruber (Schüler/in)
  • Hinweise auf besondere Umstände: Das Interview hat aus privaten Gründen am späten Abend stattgefunden und wurde durch Esspausen unterbrochen; die Interviewaufnahme wurde deshalb auch zweimal unterbrochen.
  • Hinweise auf Atmosphäre des Interviews: sehr amikale, gastfreundliche Atmosphäre, freundschaftliches Gespräch
 

 

Jeder Transkriptionskopf kann selbstverständlich um Aspekte erweitert werden, die für das Interview relevant gewesen sind und die nicht in Vergessenheit geraten sollen.

 

Umsetzung der Transkription

Beim Transkribieren auf vorwissenschaftlichem Niveau ist zu beachten, dass der gesprochene Text so zu transkribieren ist, wie er in den Audioaufnahmen zu hören ist. D.h., dass auch Dialektausdrücke und Grammatik- bzw. Ausdrucksfehler ebenso niedergeschrieben werden, wie sie zu hören sind. Erst nach Abschluss der Transkription kann überlegt werden, welche Interviewstellen nutzbar sind und ob diese grammatikalisch bereinigt werden können, ohne dass der Sinn der Interviewstelle verloren geht.

Ist es nicht möglich, die Interviewstelle wortwörtlich zu zitieren, weil Sätze unvollständig sind oder auch wegen  „kreativem“ Satzbau, so ist es anzuraten, diese Textstelle zu paraphrasieren (= mit eigenen Worten zu umschreiben). Diese ist jedoch trotzdem zu zitieren, siehe dazu weiter unten den Abschnitt „Verwendung von Interviewinhalten beim schriftlichen Erstellen der VWA“.

 

Erstellung eines Transkripts auf vorwissenschaftlichem Niveau

Ein Transkript bildet den Verlauf eines Gesprächs in Form eines Textes ab. Dabei werden folgende Elemente jedenfalls abgebildet:

Transkripte weisen immer aus, welche Personen am Wort sind, z.B.
 

I.: = Interviewer/in
IP.: = Interviewpartner/in
 

Bei einem Sprecher/innenwechsel ist eine Leerzeile einzufügen:

I.: (…)

IP.: (…)

Nummerierung der Zeilen ist unbedingt erforderlich,
da dies für die Zitation gebraucht wird:
 

1 …
2 …
3 …

 

Beim Transkribieren werden nicht nur die gesprochenen Worte aufgeschrieben, sondern auch Hinweise integriert, die Eigenschaften des gesprochenen Wortes anzeigen. Die folgenden Elemente können, müssen aber nicht Berücksichtigung finden:

Elemente

 

(Mögliche) Anzeige
im Transkript

 

Wörter, die lauter ausgesprochen wurden, können fett markiert werden, das kann inhaltlich wichtig sein,

 

 

z.B.: mutige Handlung

 

Wörter mit sehr deutlicher Betonung können unterstrichen werden,

 

 

z.B.: mutige Handlung

       _______

 

 

Etwas unverständliche Worte können in Klammer gesetzt werden,

 

 

z.B.: (mutige) Handlung

 

Falls man Passagen in der Transkription auslässt, so setzt man eine Klammer mit drei Punkten

 

 

(…)

 

Wenn ein Satz abgebrochen wird, kann das mit einem Zeichen markiert werden

 

 

//


Grundsätzlich gilt, dass Transkriptionselemente selbst gewählt werden können, diese müssen nur konsequent und immer in der gleichen Weise eingesetzt werden. Ein Beispiel: Es ist egal, ob der Abbruch eines Satzes im Transkript z.B. mit einem Querstrich (/) markiert wird oder mit zwei Doppelpunkten (::). Die einheitliche Verwendung ist jedoch verpflichtend.

 

Beispiel für ein einfaches Transkript (vgl. Dresing & Pehl 2012)15:
 

11     S2: (…)

12

13     S1: Aha, ähm, können Sie mir dazu ein Beispiel ein konkretes Beispiel nennen?

14

15     S2: Ein besonders gutes Beispiel, das waren mal unsere Nachbarn. (...), dreißig Jahre

16     verheiratet, (...) das letzte Kind endlich aus dem Haus, zum Studieren, (...) weggegangen,

17     ne, nach Berlin. (…)

18

19

 

 

Wahl der Transkriptionsart – vollständig und/oder selektiv

Vor dem Transkribieren ist zu entscheiden,

  1. ob das Interview vollständig transkribiert wird oder
  2. ob nur für die VWA relevante Textstellen transkribiert werden (= selektives Transkribieren).

 

Ad (a) Vollständiges Transkribieren
Beinhaltet das Interview beim ersten Anhören sehr viele thematisch unterschiedliche und nicht verzichtbare Passagen, ist es sinnvoll, das Interview komplett bzw. den überwiegenden Teil des Interviews zu transkribieren. Dadurch ist es weitaus leichter, jene Textstellen herauszufiltern, die in unterschiedliche Kapitel der VWA integriert werden sollen.

Gelungene biographische Interviews (z.B. Zeitzeug/innen-Interviews) werden oftmals vollständig transkribiert, da der Verlauf des Gesamtgesprächs von besonderem dokumentarischen Interesse sein kann. Dies muss im Einzelfall von Schüler/innen in Rücksprache mit den betreuenden Lehrenden entschieden werden.

Entscheiden sich Schüler/innen für die vollständige Transkription, so verschriftlichen sie den im Audiofile vorhandenen Text wortwörtlich. Die Hinweise zur Erstellung einer Transkription sind einzuhalten.

 

Ad (b) Selektives Transkribieren
Da im Kontext der Erstellung der VWA das „Ausprobieren“ und „erste Anwenden“ von Methoden im Mittelpunkt steht, wird sehr häufig auf das „selektive Transkribieren“ von Interviews zurückgegriffen:
Wenn ersichtlich ist, dass aus dem Interview nur einige wenige Textstellen entnommen werden, so können Textstellen auch nur selektiv transkribiert werden. Die ausgewählten Interviewpassagen werden beim wiederholten Anhören der Audiodatei notiert, d. h. die Schüler/innen notieren den TC (Time Code) der Interviewstellen (z.B. 00:35:41-00:36:50) und dazugehörige detaillierte Hinweise, warum ihnen diese Textstellen in Bezug auf das VWA-Thema interessant erscheinen.

Wichtiger Hinweis: Eine selektive Transkription von Interviewpassagen bringt immer den Nachteil mit sich, dass bestimmte Inhalte verloren gehen können, weil diese beim Anhören und Aussuchen der Textstellen nicht als interessant genug wahrgenommen wurden oder der Gesamtkontext des Interviews durch den Fokus auf einzelne Passagen in den Hintergrund rückt. Dem kann vorgebeugt werden, indem die Audiodateien mehrmals angehört werden. Die Audiopassagen sind jedenfalls genau auszuwählen. Es ist inhaltlich zu begründen, warum welche Interviewpassagen verwendet werden sollen.

Im Zusammenhang mit dieser „selektiven“ Transkriptionsweise ist es angebracht, eine etwa ein- bis zweiseitige inhaltliche Zusammenfassung des gesamten Interviews zu erstellen, um die inhaltlichen Schwerpunkte festzuhalten.

 

Transkriptionssoftware

Unter Transkriptionssoftware versteht man Transkriptionsprogramme zur elektronischen Bearbeitung von Audiodateien, die in ein schriftliches Transkript übergeführt werden sollen. In solchen Programmen ist die Möglichkeit gegeben, z.B. die Sprechgeschwindigkeit einzustellen, um im jeweils „eigenen“ Tempo transkribieren zu können. Diese Programme ermöglichen auch die Erstellung von Kürzeln für den Transkriptionstext und besitzen meist eine Zeitmarkierung, sodass der Transkriptionstext mit Zeitmarkierungen (Timecode/ TC) versehen werden kann.

Links und Informationen zu Transkriptionssoftware (Online-Quelle: Institut für Bibliotheks und Informationswissenschaften Berlin16)

  • Wreally - Automatische online Transkribierung; kostenlose Online-Anwendung (Registrierung erforderlich)
  • Speech to Text - Automatische Transkribierung; kostenpflichtiges Programm mit freier Online-Demo
  • Sonix - Automatische Transkribierung für Audio und Video; kostenpflichtig mit freier Testversion
  • Voicedocs - Automatische Online-Transkribierung; kostenpflichtig mit freier Testversion
  • Webcaptioner - Multilinguale Transkribierungshilfe; Webbasiert (Chrome), kostenlos
  • Descript - Einfache Audiotranskribierung parallel zur Aufnahme; kostenloser Download möglich
  • Easytranscript - Automatische Zeitmarken, export als YouTube-Untertitel möglich; kostenloser Download möglich

Bei Verwendung von „automatischen“ Transkriptionsprogrammen ist unbedingt eine manuelle Überarbeitung notwendig, da die Transkriptionsprogramme nicht alle Aspekte einer Audioaufnahme (z.B. Lachen) berücksichtigen.

 

8 Zusammenfassen & beschlagworten

Zusammenfassen, Beschlagworten und Auswählen von Interviewpassagen anhand von Transkripten

Liegt ein Transkript eines Interviews vor, so gibt es verschiedene Wege, sich mit dessen Inhalten zu beschäftigen. An dieser Stelle werden einige wenige Methoden vorgestellt, die in Bezug auf die Intensität der Beschäftigung mit dem Material dem vorwissenschaftlichen Charakter der VWA entsprechen.

 

8.1 Zusammenfassen/Paraphrasieren

Jedes transkribierte Interview sollte auf einer bis zwei Seiten mit eigenen Worten zusammengefasst werden. Vor allem bei der Durchführung von mehreren Interviews ist diese Methode hilfreich, um sich später rasch an die inhaltlichen Abläufe der Interviewführung erinnern zu können.

 

8.2 Beschlagworten von Transkripten

Beschlagworten bedeutet, einen Text oder Notizen zu markieren und mit Schlagworten zu versehen. Indem man Interviewpassagen beschlagwortet, werden VWA-relevante Interviewpassagen sichtbar und sie können als wörtliche Zitate oder Paraphrasen in einzelnen Kapiteln und somit für die Beantwortung der gewählten Leitfragen verwendet werden.

Im Folgenden werden zwei Beschlagwortungsmethoden vorgestellt, die im VWA-Kontext hilfreich sein können: das offene und das selektive Beschlagworten.
 

Offenes Beschlagworten

Beim offenen Beschlagworten werden Interviewtranskripte gelesen, interessante Stellen markiert und mit einem zur Interviewpassage passenden Schlagwort versehen. Das Markieren von Textstellen kann elektronisch über die farbige Markierungsfunktion von Textverarbeitungsprogrammen oder haptisch mittels z.B. der Verwendung von Leuchtstiften durchgeführt werden.

Schüler/innen haben bei dieser Form des Beschlagwortens einen „offenen Zugang“ zum Transkript, d.h. der transkribierte Text wird ohne speziellen Fokus gelesen. Der Vorteil dieser Bearbeitungsmethode ist, dass alle inhaltlich interessanten Interviewpassagen identifiziert werden. Diese können für die Beantwortung der Leitfragen relevant sein oder auch darüber hinausgehende Informationen für die VWA beinhalten. Dadurch kann beim offenen Beschlagworten ein Einblick in Themenbereiche entstehen, die von den interviewten Personen eingebracht wurden und bisher noch nicht für die Umsetzung der VWA in Betracht gezogen wurden.

 

⭢ VWA-Themenbeispiel: Der Beruf der Visagistin - Ausbildung und Tätigkeitsfelder in Österreich

Abbildung 1: Beispielbild für offenes Beschlagworten

Bei diesen Arbeitsschritten entsteht eine Sammlung von frei gewählten Schlagworten mit den dazugehörigen Textstellen. In einem weiteren Schritt werden die verschiedenen Textstellen anhand der Schlagwörter inhaltlich gruppiert, d.h. es werden also jene Interviewpassagen zusammengestellt, die thematisch ähnliche Inhalte abdecken und inhaltlich zu einem der geplanten VWA-Kapitel passen.

 

Selektives Beschlagworten

Beim selektiven Beschlagworten wird vor dem Beschlagworten eines Interviewtranskripts festgelegt, auf welche inhaltlichen Aspekte beim Lesen des Transkripts geachtet werden soll. Diese Aspekte werden in Form von Schlagworten in einer Liste zusammengestellt. Die Auswahl der Schlagwörter orientiert sich dabei vor allem an den Leitfragen, aber auch an anderen für die VWA wichtigen Inhalten.

Schlagwortliste für die Interviewanalyse
VWA-Thema: Der Beruf Visagistin – Ausbildung und Tätigkeitsfelder in Österreich

  • Entstehung Berufswunsch (Interessen, ausschlaggebende Erlebnisse, etc.)
  • Ausbildung (Hinweise auf Ort, Lehrende, Inhalte, Lernprozesse, etc.)
  • Herausforderungen (Schwierigkeiten und deren Bewältigung, etc.)
  • Umgang mit Menschen (Kund/innen-Kontakt, Betätigungsfelder, etc.)
  • Jobaussichten (Ausschreibungen, Chancen, etc.)
  • Karriereentwicklung (persönliche Weiterentwicklung, Weiterbildungsmöglichkeiten, etc.)
  • […]
 

 

In einem nächsten Schritt geht es darum, jene Textstellen zu identifizieren, die zu den gewählten Schlagwörtern passen. Es werden also beim Lesen des Transkripts nur jene Textstellen markiert, die zu den gewählten Schlagwörtern passen.

⭢ VWA-Themenbeispiel: Der Beruf der Visagistin - Ausbildung und Tätigkeitsfelder in Österreich

Abbildung 2: Beispielbild für selektives Beschlagworten

Hinweis zur Wahl der Beschlagwortungsart

Schüler/innen entscheiden sich für eine der beiden Beschlagwortungsarten. Sollte die gewählte Methode nicht hilfreich sein, so kann jederzeit zur anderen Methode gewechselt werden.

 

8.3 Auswählen von Interviewpassagen anhand beschlagworteter Transkripte

Wenn das Transkript mit Schlagworten versehen ist, so kann entschieden werden, wie und in welchen Kapiteln der VWA ausgewählte Interviewstellen (auch Interviewzitate genannt) verwendet werden können. Manchmal existiert zu diesem Zeitpunkt bereits eine klare Vorstellung über den Aufbau der Arbeit. Dann wird es vielleicht einfach sein, die Interviewpassagen bestimmten Kapiteln zuzuweisen.

In einigen Fällen wiederum wird die Gliederung der VWA erst erstellt werden müssen, um die Zuteilung der Interviewpassagen zu Teilkapiteln der Arbeit möglich zu machen. Es kann vorkommen, dass Interviewpassagen nur in ein Kapitel der VWA Eingang finden, weil die Inhalte nur zu einem inhaltlichen Teilaspekt passen. In vielen Fällen lassen sich ausgewählte Passagen verschiedenen inhaltlichen Kapiteln zuordnen und dort an sinnvollen Stellen im Text einbauen, um die Leitfragen zu beantworten. Je nach Themenfeld, Qualität der Interviews und Aufbau einer VWA kann die „Dichte“ von Interviewpassagen im VWA-Text variieren.

 

9 Interviewinhalte in die VWA einbauen

Sind die Interviewpassagen einmal ausgewählt und – dem „Roten Faden“ der VWA entsprechend – einem Kapitel oder Themenbereich der VWA zugeordnet, so beginnt der Schreibprozess. Die Interviewzitate werden beim Schreiben – ähnlich wie bei Zitaten aus der Fachliteratur – an inhaltlich sinnvollen Stellen in den Text eingebaut (vgl. dazu weiter unten im Text die angeführten Beispiele).

 

9.1 Zitationshinweise für ausgewählte Interviewpassagen

Beim Zitieren von Interviewpassagen in der VWA ist Folgendes zu beachten:

  • Textpassagen aus Interviews können sowohl wörtlich als auch mit eigenen Worten umschrieben
    (= paraphrasiert)
    in die VWA eingebaut werden.
  • Interviewpassagen werden an jenen Stellen in die VWA integriert, wo sie der Themenbearbeitung und der Beantwortung der Leitfragen dienen.
  • Wörtliche Zitate, die länger als zwei Zeilen lang sind, werden formal eingerückt und können zusätzlich – um sie abzusetzen – kursiv gesetzt und in etwas kleinerer Schrift integriert werden.
  • Wörtliche Zitate als auch paraphrasierte Textstellen aus Interviews werden – wie jede andere Quelle auch – zitiert.
  • Folgende Inhalte werden (in Klammer gesetzt) zitiert:
    • der (abgekürzte) Name der interviewten Person (z.B.: Max Mustermann) oder
      die entsprechende anonymisierten Angabe (z.B.: Interviewpartner 1),
    • der Ort/Land des Interviews,
    • das Datum des Interviews und
    • der TC/Time Code, damit die Textstelle des Interviews im entsprechenden Audiofile wieder aufgefunden werden kann (z.B. TC 00:30:15). Alternativ dazu kann auch eine Zeilenangabe des Transkripts verwendet werden (z.B.: Z 25-30)

 

9.2 Verwendung wörtlicher Interviewpassagen

Das nachstehende Beispiel zeigt ein wörtliches Zitat aus einem Interview, das in einen Textfluss eingebaut wurde:

 

Bei der Verwendung von Interviewpassagen ist zu beachten, dass die Zitate meist nicht kontextlos eingebaut werden können. Der Text davor oder jener danach muss in irgendeiner Form erläutern, warum die Textstelle hier wichtig ist bzw. woher sie kommt oder warum die Autorin oder der Autor sie als interessant oder wertvoll erachtet (siehe dazu den zum Zitat überleitenden Satz im Fallbeispiel 1: Zu den Zielen der Organisation sagt eine Mitarbeiterin: […]).

Dies gilt nicht nur für Interview-Zitate, sondern auch für alle anderen Textpassagen, die aus Quellen wörtlich oder paraphrasiert zitiert werden.

 

9.3 Verwendung paraphrasierter Interviewpassagen im Text

Interviewpassagen können jedoch auch paraphrasiert in den VWA-Text eingebaut werden. Dabei wird der Inhalt der Interviewpassage umschrieben, aber trotzdem wie bei einem wörtlichen Zitat zitiert. Dies ist wichtig, damit die Interviewstelle (auch für die Schüler/innen selbst) mühelos wieder aufgefunden werden kann. Umschrieben werden Interviewpassagen vor allem dann, wenn die Textstellen aufgrund von unvollständig gesprochenen Sätzen oder grammatikalischen Fehlern der Interviewten nicht wortwörtlich verwendbar sind.

 

9.4 Ein Zitationsbeispiel

Das folgende Beispiel beinhaltet sowohl ein wörtliches Zitat als auch eine Umschreibung eines wörtlichen Zitats in eigenen Worten (= Paraphrase).

 

9.5 Hinweis zur Art der Zitationsangabe

In den angeführten Beispielen wurde die sogenannte Harvard-Zitierweise gewählt (= die Angaben erfolgen im Text, in Klammer). Selbstverständlich kann auch eine Zitation z.B. in Fußnoten gewählt werden. Die anzugebenden Informationen zum Interview bleiben die gleichen (vgl. dazu Kapitel „Richtig zitieren“ im Bereich „Schreibprozess betreuen“).

 

9.6 Anmerkung zu Interviews im Anhang der VWA

Grundsätzlich gilt: Interviewtranskripte müssen nicht verpflichtend als Anhang in die VWA integriert werden. Es ist allerdings sinnvoll, dies dennoch zu tun, wenn das Sichtbarwerden eines Gesprächs von allgemeinem bzw. öffentlichem Interesse ist (z.B. ein Zeitzeugeninterview). In diesem Fall ist darauf zu achten, dass die oben genannten formalen Mindestanforderungen an eine Interviewtranskription unbedingt eingehalten werden.

Werden Interviewpassagen bzw. ganze Interviews in der VWA „veröffentlicht“, so ist auf den Schutz personenbezogener Daten (DSGVO) zu achten. Werden personenbezogene Daten in der VWA veröffentlicht, so ist die Einwilligung der betroffenen interviewten Personen unerlässlich.

 

9.7 Angabe von Interviewpassagen im Quellenverzeichnis

Das Quellenverzeichnis einer VWA beinhaltet alle Quellen, die von den SuS verwendet werden, um die VWA inhaltlich zusammenzustellen. Dazu gehören auch die Interviews, die separat von den bibliographischen Angaben angeführt werden.

Bei den Interviewangaben werden folgende Aspekte berücksichtigt:

  • Name der interviewten Person bzw. Anonymisierung
  • Kurzinformation zur Person,
  • Interviewdatum,
  • Ort des Interviews,
  • Dauer des Interviews

 

Die Interviewpartner/innen werden – sofern die Zustimmung gegeben ist – mit ihrem Namen genannt, um die Interviewpassagen den jeweiligen Personen zuordnen zu können. Durch diese Vorgehensweise wird das Erfahrungswissen der jeweiligen Person anerkannt.

BEISPIEL:

Thema der VWA: „Ein Auslandsschuljahr in Italien: Erfahrungen zweier österreichischer Schülerinnen (2015-2016)“

 

Quellennachweis von Interviews im Quellenverzeichnis:

 

Interviewaufnahmen/ Interviewtranskripte

  • Interview mit Margarete Gruber, Schülerin AHS Linz, Interview vom 20.11.2018, Linz, 01:40:35 Std.
  • Interview mit Person 2 (anonymisiert), Schülerin, AHS Salzburg, Interview vom 04.01.2019, Salzburg, 01:53:05 Std.
  • […]

 

 


1 Vgl. Hussy W., Schreier, M. & Echterhoff, G.:  Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften für Bachelor. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer, 2013, S. 224.

2 Vgl. Mayring, Philipp: Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. 11., aktualisierte und überarbeitete Aufl., Weinheim und Basel: Beltz, 2010. S. 17 ff.

3 Vgl. Hopf, C.: Qualitative Interviews – ein Überblick. In: Flick, U. et al. (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004, S.349-359.

4 Vgl. Hussy W., Schreier, M. & Echterhoff, G.: Forschungsmethoden in Psychologie und Sozialwissenschaften für Bachelor. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer, 2013

5 Vgl. Marotzki, W.: „Qualitative Biographieforschung“. In: Flick, U., Kardorff, E., Steinke, I. [Hg.]: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2004: S.175-186.

6 Vgl. Interview-Beispiele dazu Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland online https://www.zeitzeugen-portal.de/ [27.08.2021]

7 Vgl. Teibenbacher, Peter (o.J.) „Zur Oral History“. Universität Graz/ Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte. Online verfügbar unter: https://wirtschaftsgeschichte.uni-graz.at/de/forschen/oral-history-archiv/zur-oral-history/ [03.09.2021]

8 Vgl. Witzel, A.: „Das problemzentrierte Interview“. In: Forum: Qualitative Sozialforschung 1(1), 2000. Online verfügbar unter: www.qualitative- research.net/fqs-texte/1-00/1-00witzel-d.htm [letzter Zugriff 25.08.2021]

9 Vgl. Meuser, M., Nagel, U.: „ExpertInneninterview“ In: Becker R.; Kortendiek, B. (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften: 2010, S. 376–379.

10 Vgl. Miller, B.: Die 5 Ebenen der Gesprächsführung mit den Fragentechniken „Offene Fragen“ erschließen. Online verfügbar: https://www.business-netz.com/Kommunikation/Fragetechniken-Offene-Fragen [letzter Zugriff 25.08.2021]

11 Vgl. Hermanns, H.: Interviewen als Tätigkeit. In: Flick, U. et al. (Hg.) Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt TBV, 2004, S.360-368.

12 Vgl. dazu Hinweise des BMBWF zur DSGVO, verfügbar online unter https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/schulrecht/ds.html [27.08.2021]

13 Zur Erstellung von Transkripten vgl. die beiden Texte:

  • Froschauer, U., Lueger, M.: Richtlinien für die Gesprächstranskription (Abschnitt 8.5.) In: Froschauer, Ulrike/ Lueger, Manfred: Das qualitative Interview. Zur Praxis interpretativer Analyse sozialer Systeme. WUV-Univ.-Verlag, Wien, 2003, S. 223-224.
  • Kowal, S., O´Connell, D. C.: Zur Transkription von Gesprächen. In: Flick, Uwe/ Kardorff, Ernst von/ Steinke, Ines [Hg.]: Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Rowohlt, Reinbek, 2004, 437-447.

14 Alle in diesem Dokument verwendeten Praxisbeispiele sind fiktiv-angenommene Beispiele.

15 Hilfreiche Hinweise zu einfachen Transkripten finden sich in folgender Quelle:
Dresing, Thorsten, and Thorsten Pehl. Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende. dr dresing & pehl GmbH, 2012. 8. Auflage, online verfügbar unter https://www.audiotranskription.de/wp-content/uploads/2020/11/Praxisbuch_08_01_web.pdf [Letzter Zugriff 01.05.2021]

16 Institut für Bibliotheks und Informationswissenschaften, Humboldt Universität zu Berlin, Software-Empfehlungen, Transcribing. Online verfügbar unter: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/service/iLab/software/software-empfehlung [letzter Zugriff 02.09.2021]